Je populärer desto scheiße?

Gestern Abend haben meine Frau und ich uns das David-Garrett–Konzert im ZDF angesehen. Eine Stunde musikalischen Grenzgängertums. Man muss den Künstler nicht mögen, aber sind Kritiken wie die folgende nicht übertrieben?

Kitsch, so hat es Theodor W. Adorno zu definieren versucht, ist die Vortäuschung nicht vorhandener Gefühle, die zur Neutralisierung des ästhetischen Phänomens führt. So entsteht Kunst, die nicht ernst genommen werden kann, aber dennoch ästhetischen Ernst postuliert. Vom Wunsch getrieben, die Leute dort abzuholen, wo sie stehen, zerstört David Garrett ohne Not musikalische Strukturen, die von den Komponisten ja nicht aus Jux und Dollerei konzipiert wurden.
Quelle: Garrett und Bell: Gute Saiten, schlechte Saiten – Pop – Kultur – Tagesspiegel

Die Kritik erschien nicht nach besagtem Konzert, sondern sie ist schon etwas älter und bezieht sich generell auf David Garrett.

Um ehrlich zu sein, ein Fan der Musik David Garretts bin ich nicht und werde es wohl auch nicht. Vielleicht bin ich ja ein bisschen neidisch auf Garrett, der seinen vielleicht auch nicht immer einfachen Weg konsequent geht und der damit bei einem breiten Publikum (in Deutschland?) sehr gut ankommt.

Gerade höre ich “Nigel Kennedy (Berliner Philharmoniker & Nigel Kennedy – The Vivaldi Album). Ein Stück daraus (Op. 8 No. 2 – III. Presto) hat Garrett gestern Abend auch gespielt. Beim gestrigen Open-Air in Berlin kam es schon etwas anders rüber. Aber gefallen hat es uns. Und darum geht es doch – oder?

Vielleicht mögen manche  Kritiker keine Künstler, die sie verwirren. Garrett ist wohl ein Überzeugungstäter, der voll und ganz hinter seinen Cross-Over-Projekten steht. Es kommen Auftritte heraus, die dem “einfachen Volk” gut gefallen. Die Darbietungen sind offenbar gute Unterhaltung. Man würde das vielleicht nicht zugeben, aber als Teil der Elite, zudem sich Kritiker gern rechnen, tut man sich nicht leicht damit, wenn sich jemand ohne Berührungsängste an klassischer Musik “vergeht”. Ich hatte den Eindruck, dass es sogar dem Ansehen der legendären 3 Tenöre in diesem Teil Welt nicht gut getan hat, sich dem einfachen Volk mit populären Weisen zu nähern. Übrigens war das 1. dieser Konzerte, an das ich mich noch sehr gut erinnere, doch am Vorabend des WM Finales von 1990. Blöd, dass ich mich gerade jetzt wieder daran erinnern muss.

Gleich nach dem Konzert folgte die ZDF-Kultursendung “Aspekte”. Zwei Beiträge haben mich besonders interessiert. Zum einen der über den kanadischen Fotografen Jeff Wall, zum anderen ging es um ein neues Projekt des Jazzers Herbie Hancock, der pünktlich zu seinem 70. Geburtstag eine “globale Jamsession” auf ein Album gebracht hat.

Wall erklärte seine Passion als “malender Fotograf”:

“Die Leute denken immer, Bilder erzählen eine Geschichte, aber das ist Unsinn”, erklärt Wall. “Ich liebe Bilder, weil sie eben keine Geschichten erzählen, aber dir Möglichkeiten geben, selbst eine zu schreiben. Wenn dir ein Bild gefällt, schreibst du einen ganzen Roman.”
Quelle: Der “malende Fotograf” – ZDF.de

Eine schöne Beschreibung, auf die man wohl eher nicht gleich kommt, wenn man die Fototrilliarden, vor Augen hat, in denen man sich in den digitalen Weiten des Webs verliert.

Imagine Project - Herbie Hancok

Wie man sich Bildern und nicht “nur” Fotos nähert, muss man, sofern man überhaupt daran interessiert ist, im Lauf des Lebens erst einmal lernen. Viele Menschen haben Berührungsängste. Dabei kann man einen sehr pragmatischen Weg gehen, den Wall wunderbar erklärte:

“Wenn jemand ein Bild aufregend findet oder ein intensives Erlebnis hat, hat das einen Effekt auf ihn – hoffentlich einen interessanten. Dabei ist es völlig egal, was er vorher darüber wusste. Er muss ein Bild nicht entschlüsseln oder auf akademische Weise verstehen. Das ist nur der kleinste Teil von Kunst. Genießen ist der Hauptteil.”
Quelle: Der “malende Fotograf” – ZDF.de

Ich finde, dass diese Aussagen und das am Anfang von mir behandelte Thema des Cross-Over-Agenten David Garrett sehr schön zusammenpassen. Viele Dinge lassen sich nur weiterentwickeln, wenn deren potenzielle Protagonisten es vermögen, Berührungsängste zu überwinden.

Noch ein paar Sätze zum neuen Album von Herbie Hancock, das in der “Aspekte”-Sendung nicht gut weggekommen ist: Auch wenn man Hancock und Garrett ganz sicher nicht vergleichen kann, beide verlassen ihr angestammtes Musikgenre immer wieder und faszinieren ihr Publikum mit den Resultaten.  Hancock hat dies in seiner langen Karriere oft getan (“Rocket” von 1983) oder die wunderbaren Konzerte mit Friedrich Gulda (der übrigens auch einer jener Grenzgänger war) und Chick Corea.

Rockit–Herbie Hancock
Friedich Gulda & Herbie Hancock, All Blues (Miles Davis)

Beim neuen Album Hancocks sind Pink, Seal, Chaka Khan, Los Lobos, James Morrison, Oumou Sangare, The Chieftains dabei. Auf der “Aspekte”-Website geht man ein wenig freundlicher mit dem Geburtstagskind um als in der Sendung:

Entstanden ist erbauliche Weltmusik, rhythmische Räucherstäbchen, und nicht zuletzt – ein Geburtstagsständchen für den Spiritus Rector selbst: Er lacht: “Jetzt bin ich 70 – ich verdiene das!”
Quelle: Globale Weltverbesserungs-Session – ZDF.de

Mein persönliches Urteil, nachdem ich es noch gestern Abend bei ITunes gekauft und reingehört habe: Man kann es mögen. Ich muss die CD sicher noch einige Male hören. Das geht mir oft so. Jedenfalls ist er am 25.11. in der Philharmonie in Köln. Das Konzert werden wir uns nicht entgehen lassen.

Kommentare

  1. Rayson meint:

    Zufällig habe ich heute im “Ersten” einen Bericht über David Garrett gelesen. Nach allem, was ich daraus erfahren habe (und ich maße mir als Sohn eines ganz passablen Geigers hier ein Urteil an ;-) ), ist Garrett ein Künstler mit einer ausgezeichneten Ausbildung, der lediglich seinen eigenen Weg geht.

    Man darf Feuilleton-Kritik an sowas nicht über Gebühr ernst nehmen. Da kommen immer die individuellen Vorlieben des Kritikers durch und sollen es ja auch. Wer z.B. die Beatles doof findet, darf das schreiben, auch wenn fast der gesamte Rest der Welt sich diese nicht mehr wegdenken will. Die von dir genannten Motive spielen bei manchen Kritikern und vor allem deren Publikum sicher auch eine Rolle, aber auch über solche pawlowschen Reflexe braucht man eigentlich nur milde zu lächeln.

    Es gibt eben auch Menschen, die es nicht ertragen können, wenn andere Freude und Spaß an etwas empfinden, das von ihnen nicht genehmigt wurde.Solche Leute werden übrigens gerne Politiker ;-)