Entgegen anderslautenden Meinungen, gerade im Internet, zeugen Bürgermeister Sauerlands Aussagen zur eigenen Verantwortung davon, wie tief betroffen er von den schrecklichen Vorgängen während der Loveparade in Duisburg ist und das er sich im Klaren darüber ist, wer diese zu tragen hat.
Der in die Kritik geratene Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) schließt seinen Rücktritt inzwischen nicht mehr aus, will aber zunächst im Amt bleiben. In einer schriftlichen Stellungnahme lehnte er einen sofortigen Rücktritt ab. "Heute und in den nächsten Tagen muss es darum gehen, die schrecklichen Ereignisse aufzuarbeiten und die vielen Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenzufügen (…) Auch unsere eigene Rolle gilt es dabei zu beleuchten: Wenn sich die Stadt etwas vorzuwerfen hat, dann werden wir Verantwortung übernehmen." Die Forderungen nach einem Rücktritt als Oberbürgermeister Duisburgs könne er jedoch verstehen.
Quelle: Die Kölner Polizei übernimmt – Kölner Stadt-Anzeiger
Für seine Kritiker indes scheint das alles keine Rolle zu spielen. Man fühlt sich wie im Wilden Westen. Wenn es keine Sheriffs gäbe würden er und noch ein paar andere Verantwortliche gehängt. Jeder kleine Pisser glaubt, er müsse seinen Senf dazu geben. Und das in einer Art und Weise, die in unserem Land einreißt. Man wartet nicht ab. Man hört nicht zu. Man schlägt drauf. Hart und rücksichtslos.
Am Tag nach dem Unglück wurde Sauerland beim Besuch der Unglücksstelle von wütenden Trauernden beschimpft und mit Müll beworfen [3] [4] Die Webseite von Adolf Sauerland zeigt seit Montag nach der Katastrophe nur eine schwarze Fläche ohne jeden Kommentar. Auch scheinen die gesamten Unterseiten nicht mehr erreichbar zu sein.
Quelle: Adolf Sauerland – Wikipedia
Das mit der schwarzen Fläche stimmt. Allerdings ist dort inzwischen ein Text zu lesen:
Persönliche Stellungnahme von Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland zum Loveparade-Unglück am 24. Juli "Gestern und auch heute ist die Frage nach Verantwortung gestellt worden, auch nach meiner persönlichen. Ich werde mich dieser Frage stellen. Doch heute und in den nächsten Tagen muss es darum gehen, die schrecklichen Ereignisse aufzuarbeiten und die vielen Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Ich habe der Verwaltung bereits gestern Nachmittag eine Reihe von Fragen vorgelegt, die schnellstmöglich zu beantworten sein werden. Wir werden unsere Erkenntnisse unverzüglich der Staatsanwaltschaft mitteilen und diese darüber hinaus uneingeschränkt in ihrer Arbeit unterstützen. Auch unsere eigene Rolle gilt es dabei zu beleuchten: Wenn sich die Stadt etwas vorzuwerfen hat, dann werden wir Verantwortung übernehmen. Ich kann das Geschehene nicht ungeschehen machen. Dies ist eine unfassbare Tragödie und wir sind nicht in der Situation, behaupten zu können, das Leid der Opfer und der Angehörigen auch nur ansatzweise nachvollziehen zu können. Ich kann erahnen, wie nah hier Wut und Trauer beieinander liegen. Es gibt bohrende und drängende Fragen, auf die nun Antworten gefunden werden müssen. In einer eigens einberufenen Verwaltungsvorstandskonferenz habe ich daher alles Erforderliche veranlasst, um die Arbeit der ermittelnden Behörden uneingeschränkt zu unterstützen. Doch die notwendige Aufarbeitung des Unglücks spiegelt natürlich nur eine Seite wider. Die Frage, ob wir uns etwas vorzuwerfen haben, beschäftigt mich ganz persönlich, lässt mich nicht ruhen. Die in diesem Zusammenhang genannte Forderung nach einem Rücktritt als Oberbürgermeister Duisburgs kann ich nachvollziehen. Und dennoch müssen wir uns die Zeit nehmen dürfen, zunächst die schrecklichen Geschehnisse aufzuarbeiten. Ich will mich ausdrücklich auch an die Angehörigen der Verstorbenen wenden und auch an diejenigen, die Kinder, Verwandte und Freunde verloren haben oder die verletzt wurden: Es tut mir unendlich leid. Ihr Schmerz ist nicht teilbar. Ich weiß, dass Sie von mir Antworten erwarten. Ich kann Ihnen diese heute nicht geben. Aber ich werde Ihnen diese geben, sobald sie vorliegen. Die Stadt trauert mit Ihnen, auch ich ganz persönlich. Ich bin in Gedanken bei Ihnen."
Quelle: Homepage von Adolf Sauerland
Man braucht Schuldige und man findet sie. Das geht ratzfatz und dann gibt es kein Federlesen.
Ich versuch’s mal mit zwei Vergleichen — auch wenn das immer gefährlich ist: Wenn jemand 30 Jahre unfallfrei Auto fährt und es kommt dann zu einem selbstverschuldeten Unfall – was glaubt ihr, passiert mit dem Fahrer? Er wird seine Strafe erhalten und mit den Folgen seines Fehlers klar kommen müssen. Wenn ein Kind dabei verletzt wird oder vielleicht Schlimmeres wird der Fahrer in der öffentlichen Meinung niedergemacht. Die 30 Jahre unfallfreies Fahren nützen ihm überhaupt nichts.
Wenn ein Arzt nach 30 Berufsjahren einen Fehler macht, der einem anderen Menschen das Leben kostet, wird er dafür zur Rechenschaft bezogen. Jedenfalls, wenn alles mit rechten Dingen zugeht. Ich gehe davon aus, dass das auch in diesem Fall passieren wird. So viel Zutrauen habe ich in die in solchen Fällen zuständigen Personen und Institutionen.
Besagter Fahrer oder Arzt werden im Zweifelsfall schwer genug an ihren Fehlern zu tragen haben. Braucht es in diesen Fällen Aufforderungen wie diese? Ich binde solche Aktionen erbärmlich. Auch wenn ich die Wut und Verzweiflung von Freunden und Angehörigen nachvollziehen kann, die Öffentlichkeit könnte sich ein wenig mehr zurückhalten. Aber sie tut es nicht. Auch, weil die Medien solche Ereignisse wiederum aus völlig anderen Gründen befeuern.
«Bürgermeister attackiert: Wut und Trauer in Duisburg»
«Bodyguards müssen Duisburger Bürgermeister schützen – News Panorama: Vermischtes – tagesanzeiger.ch»
«Verletztenzahl deutlich gestiegen – Bürgermeister wird zum Hassobjekt tt.com – aktuelle News – Nachrichten – Tageszeitung»
Auf Facebook finden Tiraden statt, die jeder Beschreibung spotten. Eine Streitkultur haben wir nicht mehr. Der Mob beherrscht die Szene mehr und mehr.
Foto KFM – pixelio.de









Ich finde das von dir gut beobachtet. Auch twitternd kann man diese sich gegenseitig hochschaukelnde Selbstgerechtigkeit bewundern.
Widerlich fand ich auch, dass, als heute im Fernsehen die designierte Vorsitzende des NRW-Innenausschusses befragt wurde, diese sich natürlich beeilte, nach der “politischen Verantwortung” zu rufen und explizit personelle Konsequenzen zu fordern, was ganz bestimmt überhaupt nichts damit zu tun hat, dass der OB ein CDUler ist.
Nun ja – Facebook…
Ich hab mich mal was “schlau” gemacht – wenn da einiges von dem stimmt, was behauptet wird (max. 250000 Personen zulässig, Vorschriften aufgehoben etc.) – dann haben da einige Dreck am Stecken. Dem muß nachgegangen werden.
Ich persönlich halte von solchen Massenaufläufen generell eher wenig – schon im Bierzelt ist mir das zu voll…
Nun ich kann die Wut auf den OB nachvollziehen, wie er selbst ja auch. Ein nicht unerheblichen Anteil daran hat auch das Verhalten auf der Pressekonferenz und das Kleben an seinem Stuhl, das hat in so einer Situatuion einen äußerst faden Beigeschmack. Das Verdächtige sich aus dem Amt heraus an der Aufklärung eines so folgenschweren Sachverhaltes beteiligen, erscheint mir mehr als unpassend.
Das der OB selber geschockt ist und ganz schön am Geschehenen zu beißen hat steht außer Frage, ich möchte ihm nicht seine Menschlichkeit absprechen und verurteile auch die die das tun. Es ist aber nunmal auch sehr menschlich Beweise zu vernichten die einen selbst belasten wenn man die Möglichkeit dazu hat.
Und ehrlich gesagt kann ich mir schwer vorstellen, dass nicht schon das ein oder andere Dokument, das zur Klärung der Verantwortung beitragen könnte in den letzten Tagen vernichtet wurde Das ist natürlich nur Spekulation, aber zumindest die Möglichkeiten zur Vertuschung von Sachverhalten sollten minimiert werden.
Danke für diesen Beitrag. Ich würde mir wünschen, es gäbe mehr Leute, die so differenziert denken. Keiner weiß, ob Sauerland nach Abschluss der Untersuchungen zurücktreten wird. Ich glaube, er tut es. Ich finde es auch nachvollziehbar und richtig, wenn er sagt, dass er jetzt nicht zurücktreten wird, weil er die damit verbundene Wirkung, dass er nicht zu seiner Verantwortung stehe, vermeiden wolle. Diese Kritik würde nämlich sofort einsetzen, wenn er bereits jetzt sein Amt abgeben würde. Warten wir es ab. Die Hin- und Herschieberei von Verantwortung ist leider in vollem Gange.
Da kann ich dir nur zustimmen. Parteipolitik hat in dieser Sache nichts verloren. Es macht sie (in meinen Augen) nur noch schlimmer.
Ich kann solchen Veranstaltungen auch nicht viel abgewinnen. Allerdings war ich schon bei einigen Konzerten (auch open air), bei denen sehr viel los war. Dort haben meine Frau und ich uns aus dem Bereich immer herausgehalten, der zu eng war. Bei Michael Jacksons Konzerten in Köln waren über 70.000 Menschen im Stadion. Da wurde es auch schon mal eng.
Hängt ihn doch an den nächsten Baum! Richtig Aufhängen. :hammer: :hammer:
Ja, ich bin für prägnante Überschriften. Was den Leser aber nicht unbedingt vom selbständigen Denken abhalten sollte.
Ich für meinen Teil bin durchaus der Meinung, das Herr Sauerland ein hohes Maß an persönlicher und beruflicher Verantwortung trägt und dieser Verantwortung nicht gerecht wird.
Ich möchte freundlich daran erinnern, das eines der ersten Statements des Herrn OB darauf hinaus lief, das Unglück in die persönliche Verantwortung der Menschen vor Ort zu schieben und das vorliegende Sicherheitskonzept als funktionsfähig zu bezeichnen. Also zuallerst der Versuch, Verantwortung abzuschieben – und das ist – mit Verlaub – ein erbärmliches Verhalten.
Selbstverständlich ist der OB nicht alleine verantwortlich, aber als Mandatsträger muss man sich zu politischer Verantwortung bekennen und konsequent sein.
Was sich Sauerland und Co. am Sonntag auf der Pressekonferenz geleistet haben, ist entsprechend unglaublich.
Ich nehme ihm sogar ab, dass er persönlich betroffen ist (wäre dramatisch, wenn nicht). Aber meiner bescheidenen Meinung nach ist der Rücktritt notwendig und unabänderlich – am besten sofort! Und neben Herrn Sauerland gibt es noch einige andere kommunale Funktionsträger, die den Hut nehmen müssen. Das hätte auch den Vorteil, dass niemand auf die Idee kommen könnte, zu unterstellen, in Duisburg würde gegen die Aufklärung gearbeitet und vertuscht (die Pressekonferenz sah ja sehr danach aus).
Im Interesse der Aufklärung, im Interesse der Stadt Duisburg, aus Respekt vor den Verstorbenen und deren Angehörigen, und aus Respekt vor den Verletzten von Duisburg – Rücktritt!
Er wird ja auch zurücktreten. Davon gehe ich aus. Für mich klingt das, was er sagt, nicht danach, als wolle er an seinem Stuhl kleben. Er möchte, was ich durchaus richtig finde, an der Aufklärung des Unglück mitarbeiten. Wenn er jetzt zurücktritt, könnte man es auch so interpretieren, dass er sich vor der Verantwortung drückt. Ich weiß nicht, wie ich das einschätzen soll. Aber man sollte diese Möglichkeit nicht außer Acht lassen. Wenn er nicht zurücktreten sollte, was ich nicht glaube, wird es ohnehin einen Sturm der Entrüstung geben. Aber warten wir es ab.
Würde Sauerland zurücktreten, würden diejenigen, die jetzt behaupten, Sauerland klebe an seinem Stuhl oder weigere sich, Verantwortung zu übernehmen, als erste schreien: Sauerland macht sich feige vom Acker.
Das, was auf der Love-Parade passiert ist, war eine Katatrophe; die mediale Abwicklung dieser Katatrophe ist allerdings die reine Barbarei.
@Lebowski: Das sehe ich auch so. Aber diese Art von Empörungsritualen und Vorverurteilungen kennen wir inzwischen leider zur Genüge.
Mir aus der Seele geschrieben! Ich verurteile diese mobartige Hetzjagd auf imaginäre Schuldige. In solchen Situationen sind die Social Networks nicht wirklich “social”
Aufklären und dann richten sollte die Devise sein.
Wer sucht denn die “Schuldigen”, die unter Alkohol-/Drogeneinfluss willkürlich auf ihren Mitmenschen herum getrampelt sind?
Das hat etwas Beängstigendes. Schließlich könnte das jedem von uns passieren. Das geht nicht nur bei solchen Unglücken, sondern auch bei Themen, in denen “man” nur anderer Meinung ist. Ob das wirklich demokratiefördernd ist?
Loveparade!!!!!!!!!!!!
Hunderttausende bis zur Million zieht es nach Duisburg oder sonstewo sie gerade stattfindet.
Wenn auch nur ein geringer Teil besoffen oder bekifft ist, gibt es für mich Grund solche Partys zu meiden.
Ich nehme (wohl schon aus Altergründen) an einer Loverparade nicht teil. Das hätte ich auch früher deshalb nicht, weil mir die Musik einfach nicht gefällt. Insofern habe ich auch Verständnis für deine Aussage, dass du solche Partys meidest. Aber was hat das mit dem Unglück an sich zu tun? Ich hoffe nicht, dass du es so meinst, wie man es verstehen kann. Frei nach dem Motto: Die dorthin gehen, sind selbst Schuld. Das wäre dann (für mich) auch ein Gründ, meine Meinung “Anno Nüm” mitzuteilen.
Ich war selber da.
Und ich muss sagen,….
man merkt immer wieder das Menschen sich nicht ändern werden.
Es sind 21 Personen mittlerweile tod,und das ist furchtbar und schrecklich.
Aber alles was die Menschen interessiert ist einen Schuldigen zu suchen.
Ein Schuldiger muss her….jemand an dem wir unsere Wut auslassen können.
Ich finde das noch viel schrecklicher….Als ob 21 tote nicht reichen,gibt es jetzt
noch Morddrohungen an dem Oberbürgermeister.Natürlich kann ich die
Angehörigen verstehen,sie sind verletzt ,tief traurig.Aber das ist kein Grund selber
zum Mörder zu werden.Das schlimmste daran: Es hilft niemandem,nur weil
man einen Schuldigen hat,die trauer die in einem steckt zu verarbeiten.Und die
Menschen die dadran gestorben sind werden dadurch auch nicht wieder lebendig.
Ich finde die Entscheidung von Adolf Sauerland sehr Mutig und Ehrenwert…er hat es
sehr schwer in dieser Zeit und ich hoffe er hat die Kraft und die Stärke das auszuhalten.
Was mich auch irritiert ist,die ganzen Medien sind damit beschäftigt einen Schuldigen zu suchen ,es dreht sich alles dadrum.Aber es gibt kaum Nachrichten,die den Opfern die
letzte Ehre zu teil kommen lassen.
Hier hat niemand bewusst jemand umgebracht und das geht leider nicht in die meisten Köpfe rein.
Nun – eine gewisse Mit”schuld” (ist vielleicht das falsche Wort) muß man den Teilnehmern schon zuweisen. Wo Hunderttausende, teils mit Softdrogen? und Alk abtanzen – da ist es schon von vornherein etwas risikoreicher als in deinem Vorgarten.
Und ich sag das nicht ano”sonstwas”. Da sind viele Dinge zusammengekommen. Nimm mal nur an, es wäre NIX passiert – die gleichen Medien würden den OB vielleicht als Heilsbringer für Duisburg loben…
So würde es sein, lieber Jürgen. Nur ist das leider nicht so passiert. Nun müssen Köpfe rollen und Sauerland wird wohl der Erste und vielleicht nicht der Letzte sein.
Ein bisschen Druck und Schreierei ist schon genau richtig. Zu schnell wird vergessen und unter den Teppich gekehrt.
Stimmen die meinen, dass man es “ruhiger” angehen lassen sollte sind meiner Meinung nach mehr von Profilneurose geprägt als die, welche sich aufregen! Toll wie “ruhig” und “vernünftig” manche reagieren. Vertrauen in Staat und Staatsanwaltschaft? Das andere es schon machen: Anzeige erstatten…
Es ist richtig sich aufzuregen! Dazu gehört es auch zu verurteilen was man meint was falsch läuft oder gelaufen ist. “Ruhe” und “Schweigen” … und “Abwarten” und “die anderen machen das schon”… WAR und IST einfach falsch!
Sicher soll niemand gelyncht werden! Aber das können die “Schreier” in einem “Rechtsstaat” so ja auch nicht. Es geht um Meinungen … darum, dass von “offiziellen” und verantwortlichen Stellen gelogen wurde … Schuld hin und her geschoben! Darstellungen verzerrt. Vielleicht benötigen wir ja sogar neue Gesetze um solche Veranstaltungen zu regeln?
Ach Horst,
es ist ja nicht nur am Bürgermeister fest zu machen. Es wird jetzt schon nach einen Boykott von McFit Fitnessstudios gerufen, weil deren Besitzer einer der Veranstalter und Hauptgeldgeber war. Auch das finde ich nicht Richtig…….
Wir reagieren doch nur so scharf, weil es uns selbst betroffen hat, weil es hier in Deutschland passiert ist. Hätte der Herr von McFit einen Event in Afrika finanziert und dort wäre sowas passiert, dann würde hier kein Hahn danach krähen.
Offener Brief anläßlich der Todesopfer von Duisburg an die NRW-Regierungschefin, Hannelore Kraft
Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin,
zornige Trauer ist eingekehrt bei den Menschen, nicht nur in Duisburg. In das Entsetzen über das so Unfaßbare, in die Anteilnahme am Leid der Hinterbliebenen mischen sich zunehmend aber auch Unverständnis und Wut über jene Kulturkraten, die unabhängig jeglicher strafrechtlicher Bewertung einfach nicht bereit sind,zu ihre moralische beziehungsweise politische Verantwortung zu übernehmen. Stattdessen müssen die Angehörigen der 20 Todesopfer in ihrem bitteren Schmerz auch noch eine Schmierenkomödie bei der so drängenden Frage nach der Verantwortung hinnehmen, die schlimmer wohl nicht mehr sein kann.
Da ist ein Oberbürgermeister, der sich selbst bemitleidet, anstatt ein Zeichen zu setzen und zurückzutreten. Ein Polizeichef, der am vergangenen Sonntag auf einer Pressekonfernez ebenfalls nicht zu seiner Verantwortung stehen wollte. Er nannte zu bezweifelnde Zahlen, nannte andere Todesursachen der Opfer. Auch der Veranstalter schiebt seine Verantwortung anderen zu. Der Geschäftsführer der “Ruhr 2010″ bekennt sich zwar zu seiner “moralischen Mitverantwortung” , ist aber nicht bereit aus dieser persönlichen Erkenntnis heraus entsprechende Konsequenzen zu ziehen.
Schlimmer noch. Dieser Geschäftsführer will die “Kulturhauptstadt erfolgreich zu Ende bringen. Wie, Frau Ministerpräsidentin, soll das noch gelingen, angesichts der 20 Toten und der mangelnden Bereitschaft aller Beteiligten für ihre Verantwortung auch einzustehen ?
“Hier müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um dieses Fest der Szenekultur mit seiner internationalen Strahlkraft auf die Beine zu stellen. (…) Eine Absage der Loveparade wäre ein Debakel für das Revier.” Mit diesen Worten versuchte Fritz Pleitgen, der Geschäftsführer der “Ruhr 2010″ die drohende Absage der Loveparade zu verhindern. Sein Kulturdirketor Gorny setzte die Handelnden in Duisburg mit dieser Aussage unter Druck. “Es gibt keine bessere Gelegenheit, sich international zu blamieren, als wenn man diese Chance verpasste. (…)Eine richtige Metropole kann das stemmen.”
Es wurden Briefe an den damaligen Innenminister geschrieben, in denen sogar die Ablösung des Polizeipräsidenten gefordert wurden, weil dieser massive Bedenken hatte. Ihr Vorgänger wollte die Loveparade ebenso, wie Sie selber. Wohl auch wegen der “starken Bilder”, von denen Fritz Pleitgen immer so gern sprach, “die die Metropole Ruhr weltweit bekannt machen” sollten.
So wurde unendlicher Druck im Namen und im Rahmen der “Kulturhauptstadt” auf die Stadt Duisburg ausgeübt. Es gab sogar noch zusätzliche Finanzmittel aus dem Topf der Landesregierung. Alles für diese “starken Bilder” , von der man sich eine weltweite Imagepflege erhoffte.
Die Bilder, die nun die Welt aus Duisburg zu sehen bekommt, können verheerender nicht sein. Doch statt die “Kulturhauptstadt” für beendet zu erklären, ohne die es die Loveparade in Duisburg nicht gegeben hätte, heißt es für Pleitgen nur: “The Show must go on.”
Wie verhöhnt werden sich die Hinterbliebenen erst fühlen müssen, wenn demnächst ausgerechnet in Duisburg die Kulturdirektorin Asli Sevindim internationale Wiegenlieder singen lassen will. Wo bleibt da die Ehrfurcht vor den Toten, das Mitgefühl für die Angehörigen. ?
Ich bitte Sie deshalb dringend, darauf hinzuwirken, dass die “Kulturhauptstadt” schnellstmöglichst beendet wird, geplante Veranstaltungen ausgesetzt werden. Das noch verbleibende Budget sollte in eine zu gründende “Stiftung für die Opfer der Kulturhauptstadt Ruhr 2010″ umgewidmet werden, damit den Hinterbliebenen und Verletzten unbürokratisch in der Not kurzfristig auch finanziell geholfen werden kann.
Wenn aufgrund des politischen Drucks die Loveprarade stattfinden konnte, so wird es sicherlich auch möglich sein, aus ethisch-moralischen Gründen und als einzig noch zu verbleibendes Zeichen der aufrichtigen Anteilnahme am Leid der Hinterbliebenen und Verletzten die “Kulturhauptstadt” notfalls auch mit politischem Druck zu beenden. Denn ein erfolgreiches Ende, wie von Pleitgen kaltschnäuzig angekündigt, kann es wohl aus den genannten Gründen nicht mehr geben.
Mit traurigen Grüßen
Einerseits kann ich die wütenden Reaktionen der Leute verstehen, andererseits sollte man aber auch genau das bedenken, was du hier so schön auf den Punkt gebracht hast. Das wäre ein sachgerechter Umgang mit dem Thema. Aber vielleicht ist das so kurz nach dieser Tragödie auch zu viel verlangt.
Ach, ich habe ich eine Profilneurose? Ich meine, ich denke einfach mal nach, bevor ich losbrülle. Vielleicht ist das ja doch ein Weg, mit solchen schrecklichen Dingen umzugehen. Was meinst du? Die Verantwortung muss übernommen und getragen werden. Da sind wir uns einig. Aber erst einmal muss festgestellt werden, was genau geschehen ist. Und inzwischen sind wir, was den Erkenntnisstand anlangt, ja auch weiter. Sauerland war offenbar informiert über die Vorbehalte seine Mitarbeiter/innen. Er hat nicht entsprechend reagiert. Die Gründe dafür wiederum kann man sich zwar vorstellen, trotzdem muss, bevor man zu voreiligen Schlüssen kommt, erst einmal prüfen. Das heißt nicht, dass man auf Zeit spielt, um die möglichen Verantwortlichen zu schonen. Wir brauchen keine neuen Gesetze, sondern wir müssen die existierenden anwenden und dürfen sie nicht aus Profitgier ignorieren. Vielleicht liegt eher da oftmals ein Problem.
Schaller ist Veranstalter. Insofern hat er eine Mitschuld. Dieser wird er sich auch nicht entziehen können. Du hast recht. Es gab auf der Welt (insbesondere erinnere ich mich an Unglücke in Mekka) schon häufig Opfer bei Großveranstaltungen, die durch Panik der Teilnehmer ausgelöst wurde. Wir haben das zur Kenntnis genommen und waren vielleicht schockiert über die hohen Opferzahlen. Aber es war weit weg. Natürlich ist das jetzt anders. Und das hältst du für anormal? Übrigens wird das auch kein typisch deutsches Phänomen sein.
Sicher wird er zur Verantwortung gezogen, von unserem Rechtssystem, aber ich muss nicht Arbeitsplätze in Gefahr bringen deswegen. Wem wird damit denn bitte geholfen, den Toden ganz bestimmt nicht.
Danke für Ihre Besonnenheit in einer emotional so dichten Situation. Ich teile Ihre Ansicht zutiefst. Auch mir ist ein Volksvertreter der nicht das Volk sondern finanzielle Interessen vertritt zunächst suspekt und auch ich möchte im ersten Moment auf jemanden zeigen, und sagen, du bist schuld aber so einfach ist das Leben eben nur bei Twitter oder Facebook. In Wirklichkeit verdient eben dieser Volksvertreter, der sich offensichtlich keiner Schuld bewusst ist, die Zeit sich dieser anzunähern. Er wird erkennen müssen, dass er sich schuldig gemacht hat – sowohl, wenn er es als kalkulierbares Risiko angesehen hat, diese Veranstaltung zu genehmigen sowie wenn er es aus Ahnungslosigkeit versäumt hat, einzuschreiten und nicht zuletzt wenn er erkennt, dass er sich auf die laienhafte Planung eines Edeka-Verkäufers eingelassen hat. So oder so trägt er Schuld und weil wir Menschen sind und denken können werden wir ihn nicht steinigen sondern ihm helfen, sich an seine Verantwortung für das Geschehene anzunähern. Dazu wird er mehr Zeit brauchen als die Twitter und Facebook-Richter die sich letztlich, so sie denn über ein bisschen Resthirn verfügen, bis zur ersten PK bei der Herr Sauerland ein so erbärmliches Bild abgegeben hat, ein viel umfassenderes Bild vom Geschehenen machen konnten.
@Sven: Welche Arbeitsplätze meinst du denn? Du denkst vermutlich an McFit und die dortigen Arbeitsplätze? Das könnte passieren, wenn zivilrechtliche Klagen gegen Schaller geführt werden. Die Veranstaltung war ja nur mit 7,5 Mio. Euro versichert. Wenn Fahrlässigkeit im Spiel sein sollte könnte er vielleicht tatsächlich ruiniert sein. Aber das muss sich finden.
Es geht mir um McFit und die Boykottaufrufe. Wenn Richter entscheiden das er Schuld war und das er mit seinen Vermögen damit haften muss, dann ist das richtig und gut. Das bedeutet dann aber nicht automatisch das McFit auch kaputt ist, sondern das kann er dann immer noch Verkaufen um seine Schulden zu begleichen.
@Sven: Ausgeschlossen ist es nicht, dass die Angestellten von Schaller unter den Folgen der zu erwartenden Klagen leiden werden. Es könnte ja passieren, dass Schaller verkaufen muss. Das wäre für die Leute blöd. Sie können schließlich nichts dafür, dass ihr Chef offenbar schwere Versäumnisse begangen hat.
Wenn der Schaller nur ein bißchen intelligent ist, dann wird er wohl gewisse Vermögenswerte in “geschäftlich” und “privat” getrennt haben. Für die Angestellten ist das sicher kein Trost – aber vielleicht wirds ja doch nicht so schlimm.
Übrigens – da ist doch in Pakistan ein Jet abgestürzt – 152 Tote. Aber da könnte man ja selbst mit den abenteuerlichsten “Gedankenkonstruktionen” keinen deutschen Kommunalpolitiker oder Geschäftsmann auch nur die geringste Schuld zuweisen. Also gibts auch keinen Medienrummel, oder Rücktrittsforderungen…tja.
Du kommst ja auf Dinger. Wieso sollte jemand auf die Idee kommen, dafür einen deutschen Kommunalpolitiker verantwortlich machen zu wollen?
Ich wollte damit nur andeuten, daß Medienberichte und Reaktionen sehr stark vom Ort/Interesse abhängen – und nicht linear mit der Zahl der Toten ansteigen.
Die 21 in Duisburg (von 500000?) sind nahe, da gibts einen OB, die Polizei und einen nicht ganz konventionellen Unternehmer mit Glatzkopf. DA kann man was draus machen…Die 152 in Pakistan sind weit “wech”, da gibts ne kurze Notiz.
Dramatisch wird das ganze doch wohl auch durch die Medien gemacht. Wenn diese 21 Raver verteilt auf einen Monat bei Autounfällen gestorben wären – keine Sau würd das ineressieren. Außer dem persönlichen Umfeld natürlich.
Bitte beitreten: Es kann nicht sein was auf FB passiert: http://www.facebook.com/group.php?gid=122872667759119
Erledigt. Es ist abstoßend.