Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe

Die ARD zeigte heute Abend im Rahmen ihrer losen Serie mit dem Titel “Die Story” einen Beitrag über Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank. Ein Journalist hat Ackermann über eine längere Zeit begleitet, so hieß es in einem Vorbericht. Deshalb hatte ich eigentlich erwartet, ja mir vielleicht sogar gewünscht, dass ich mein von oberflächlichen Eindrücken und Vorurteilen geprägtes Bild über den Mann revidieren müsste, wenn ich mir diesen Bericht über ihn angesehen hätte. Das Gegenteil ist der Fall.

Ackermann  ist nicht der Mensch, den ich sehen wollte: den jovialen Schweizer, der trotz seiner großen Machtfülle und seinem schier unanständig hohen Einkommen doch noch einen Bezug hätte zu den Sorgen und Nöten der “normalen” Menschen.  Ein wenig Jovialität bringt er mit — aber im Sinne von herablassend gegenüber anderen Menschen in einer weniger privilegierten Position. Politiker schließt er dabei nicht aus. Aber er ist der gnadenlose Kapitalistenbediener, der Selbstbeweihräucherer, für den ich ihn im Grunde immer gehalten habe. Ich gebe zu, in mir stiegen während dieser 45 Minuten Gefühle auf, die ich nur selten einem fremden Menschen entgegenbringe. Der Mann ist mir zutiefst zuwider.

Es rüttelt, zerrt und nagt an meinem Menschenbild, dass sich Leute mit einem solchen Selbstverständnis heute in absoluten Machtpositionen befinden. Ob man den Chef von Goldman Sachs anschaut oder diesen Banker. Politiker sind gegen diese Leute -Entschuldigung, dass ich diesen eigentlich von mir gehassten Ausdruck hier verwende- Gutmenschen.

Ich weiß, dass man den TV-Bericht als tendenziös bezeichnen muss. Objektiv und fair kann man ihn jedenfalls wohl nicht nennen. Jetzt muss ich sagen, hätte ich es mir fast gewünscht, dass der Beitrag weniger einseitig geraten wäre. Mir hat es den Abend verdorben. Diese widerliche Dekadenz, gepaart mit einer Machtfülle, die ihresgleichen wohl sucht, ist unerträglich.

Foto: Josef Ackermann (Monika Flueckiger – Wikipedia.de)


Kommentare

  1. wvs meint:

    Es gibt nur eine Erklärung dafür, daß solche Menschen in solche Positionen kommen:

    Sie haben ein Hirn-Defizit in der Rinde, da, wo die Emotionen, spezieller das “Mitgefühl” lokalisiert sind [http://de.wikipedia.org/wiki/Antisoziale_Pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rung] – aus diesem Grunde werden sie entweder Massenmörder oder Wirtschaftsführer.

    Beide gehen ‘über Leichen’ ….

  2. wvs meint:
  3. eule70 meint:

    Ich habe die Sendung nicht gesehen (ich glaube, überhaupt noch nichts aus der Reihe). Ich wäre davon ausgegangen, dass es eine Lobhudelei ist oder wenigstens etwas nach dem Motto “das ist doch ein Mensch wie du und ich, und im Grunde ein netter”. Dass die ARD über Ackermann eine kritische Sendung macht, erstaunt mich ja! Aber wenn ich Dich richtig verstehe, ist es so, dass man ihn beim einfachen neutralen Beobachten seines täglichen Lebens eben nur zum K…. finden kann? Dann wären meine Vorurteile ja gar keine Vorurteile…

  4. Horst Schulte meint:

    @Wvs: So weit würde ich ja nicht gehen, aber in meiner Abneigung bin ich nach diesem Film nicht mehr zu kurieren. Schlimm genug.

    @Eule70: Meine Vorurteile haben sich auch bestätigt. Aber du kannst den Beitrag in der ARD Mediathek noch anschauen. http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=5057582
    viel Spaß wird es nicht machen.