Manchmal sind Henryk M. Broders Zynismus und Bosheit überbordend. Mit seinem heutigen Artikel über Guido Westerwelles angeblichen “moralischen Harakiri” jedenfalls.
Mir kommt es so vor, als sei Guido Westerwelles Selbstbewusstsein angekratzt. Vielleicht glaube ich das, weil mir die Art und Weise, in der er kritisiert und vorgeführt wird, inzwischen richtig unangenehm geworden ist. Nein, ich mag den Mann nicht. Aber bei mir schlägt Antipathie gern einmal um, wenn die öffentliche Kritik an denjenigen, bei denen das so ist, überhand zu nehmen scheint.

“Panorama” machte sich in dieser Woche über Westerwelles Auftritt als 18Minuten-Kanzler her:
Darauf muss er gewartet haben: Während die Kanzlerin im Urlaub weilt, nutzte Vizekanzler Westerwelle kürzlich die Gelegenheit für den ganz großen Auftritt. 18 Minuten Kanzler sein, immerhin.
Quelle: DasErste.de – [Panorama] – Endlich Kanzler: Der große Tag des Guido Westerwelle
Er fordert den Spott heraus. Den Vorwurf muss man ihm einfach machen. An Peinlichkeit nicht zu überbieten war, nach dem Ende der Koalitionsverhandlungen im Herbst letzten Jahres, seine Duz-Bruderschaftsgeschichte mit Horst Seehofer vor der Bundespressekonferenz. Das sind Geschichten, die sich vortrefflich für die Medien eignen, immer wieder hervorgeholt und präsentiert zu werden. Natürlich geht das grundsätzlich und immer zu Lasten des Guido Westerwelle.
Viele werden sagen, dass er es nicht besser verdient habe und ganz abstreiten mag ich das auch nicht.
Aber zurück zur heutigen Broderei in Spiegel Online. Wir dürfen also alle stolz sein auf unsere schwulen Politiker. Eben – das toleranteste Schland, das ich kannt. Uns ist es egal, ob ein Regierender Bürgermeister oder unser Außenminister schwul sind. Broder wähnt nicht mit einem Satz die Möglichkeit, dass der Popularitätsverlust Guido Westerwelles vielleicht doch etwas mit seinem Schwulsein zu tun haben könnte. Ich kann mir bis heute jedenfalls nicht erklären, warum man (die Medien und die Öffentlichkeit) gerade über ihn in dieser Weise herfällt, obwohl es viele andere Politikerinnen und Politiker gibt, deren Arbeit Anlass zur Kritik gibt.
Broder nimmt Westerwelles Statement deshalb in dieser Form aufs Korn, weil es gegen islamische Staaten geht. Er führt sie namentlich auf und lamentiert darüber, dass in einigen der Staaten Männerliebe sogar mit dem Tode bestraft wird. Er beruft sich auf schreckliche Wahrheiten und macht Westerwelle implizit mitverantwortlich. Weil er sich nicht ostentativ gegen die betreffenden Regime stellt, in dem er seinen Lebenspartner auf seine Reisen in diese Staaten mitnimmt.
Seine Schlussfolgerung, dass Westerwelle durch seine Handlung die Positionen preisgibt, die er als liberaler Demokrat ganz zweifellos repräsentiert und lebt, ist eine Infamie, für die mir die Worte fehlen. Es lässt sich ermessen, wie groß der Hass dieses Mannes gegen die Feinde Israels sein muss, wenn er sich solcher Mittel bedient? Aber natürlich ist man von Broder einiges gewöhnt.
Westerwelle ist nicht bösartig oder dumm, aber spricht auf eine erschreckende Weise unüberlegt.
Quelle: Umgang mit Schwulenhass: Westerwelles moralisches Harakiri – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Politik
Politiker werden von den Medien attackiert, weil sie nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegen die Verletzung von Menschenrechten protestieren. Gerd Schröder wurde, völlig zurecht, dafür kritisiert, dass er Vladimir Putin als “lupenreinen” Demokraten bezeichnete. Wenn Politiker sich feige verhalten, soll man sie dafür kritisieren.
Homophobie ist in Deutschland und in sehr vielen Ländern der Erde vielleicht fast überwunden. Gudio Westerwelle ist schwul, und er steht dazu. Das weiß jeder. Broder steht es nicht zu, ihn dafür zu kritisieren, dass er sein Schwulsein, eventuell aus rein politischen oder diplomatischen Gründen, bei seinen Auslandsbesuchen nicht wie eine Monstranz vor sich hertragen will. Es besteht in meinen Augen keinerlei Veranlassung dafür, ihn dafür in einer solchen Art und Weise zu kritisieren. Umso mehr als Broders Motivation allzu deutlich wird. Seine Wortgewalt findet sich auch in diesem Artikel, aber der von mir so oft geschätzte Wortwitz ist ins Nirwana verschwunden. In diesem Fall wird dies Broder spezieller Intention geschuldet gewesen sein.
Foto: Henryk M. Broder, Foto: Wikipedia, Sven Teschke, Büdingen












Man kann das “Problem” auch von rückwärts ‘aufrollen’.
Niemand würde erwarten, daß ein heterosexuell orientierter Außenminister in einem Land, das eine negative Grundtendenz gegenüber Homosexuellen hat, gegen diese Einstellung opponieren/Stellung beziehen würde:
Ein wesentliches Kriterium der Außenpolitik ist doch gerade sich nicht in innere Angelegenheiten anderer Länder einzumischen und so Spielraum für ‘gleichberechtigte’ Verhandlungen zu gewinnen. Die wiederum können dazu dienen bei kontroversen Themen zu Kompromissen zu kommen.
Natürlich widerstrebt es uns Gewalt gegen Menschen einer bestimmten sexuellen Orientierung hinzunehmen und dazu zu schweigen – aber ist es nicht auch bei uns ein jahrzehntelanger Prozeß gewesen der dann zur “besseren Einsicht” führte?
Wir wollen doch bestimmt nicht den gleichen Fehler wie die U.S.A. machen und uns so benehmen, als ob nur wir den einzig wahren Weg zum Glück kennen ….
wvs(Zitieren) (Antworten)
@Wvs: Deine Sicht der Dinge möchte ich voll und ganz unterstreichen. Du erinnerst dich vielleicht ein bisschen an mein Ding mit dem “immer die Wahrheit sagen” müssen. Damit hat mein Standpunkt natürlich auch zu tun. Es geht nicht um falsch verstandene Toleranz. Man muss Positionen, die sich gegen die Menschenrechte richten verteidigen. Dann bleibt aber immer noch die Frage offen, ob man das immer und überall tun muss oder ob man im Sinne der großen Verantwortung, die auch Herr Westerwelle wahrnimmt, ein gewisses Fingerspitzengefühl nicht angemessen ist.
http://www.querblog.de/2010/08/07/immer-schoen-die-wahrheit-sagen/
Horst Schulte(Zitieren) (Antworten)
Nicht Westerwelle ist das Poblem, sondern die Gesellschaft, die er vertritt.
Hier meine Replik auf Broder im Nollendorfblog:
http://www.nollendorfblog.de/?p=499
Bin gespannt auf Deine Meinung!
Johannes
Johannes(Zitieren) (Antworten)