Den fünf Journalisten, die im “Presseclub” heute über die Rente mit 67 diskutierten, würde es vor einer Volksabstimmung über dieses heiße Eisen grauen. Sie gehen folgerichtig davon aus, dass Sigmar Gabriel (SPD) das Thema ausschließlich deshalb wieder auf die Agenda gesetzt hat, weil er seiner Partei Punkte verschaffen will. Man nennt das, nicht nur in diesen Kreisen, “blanken Opportunismus”.
Ich schließe mich denen an, die diesen “Presseclub” für schwach besetzt hielten. Schönenborn beklagte, er habe keine Kollegen gefunden, die eine abweichende Meinung zu der in der Runde vertretenen eingenommen hätten. Folgerichtig war die Sendung langweilig und ohne Inspiration. Das Thema ist schon 1000x durchgekaut worden. Und doch zeigt sich das Volk uneinsichtig. Die Minderqualifizierten sollten nicht nach ihrer Meinung gefragt werden. Ich habe mal von einem Vorstand die Worte gehört: “Wer fragt schon die Frösche, wenn er einen Sumpf trocken legen will?”. Damit wurde damals eine Entscheidung begründet, die sich längst als falsch erwiesen hat.
Ein Rückhalt der von der SPD initiierten und bisher mitgetragenen Einführung der Rente mit 67, ist in der Bevölkerung nicht vorhanden. Die SPD – Mitgliedschaft will angeblich zu 95 %, dass sie rückgängig gemacht wird.
Der Tenor der einseitigen Diskussion war einhellig. Keine Änderung der Beschlüsse. Eher ist darüber nachzudenken, die Altersgrenze noch weiter nach hinten zu legen. Die demografische Entwicklung und die vernachlässigte Generationengerechtigkeit verlange dies. Alles, was man über das Thema bisher gehört, gelesen oder gesehen hat, scheint den Journalisten recht zu geben. Wir müssen länger arbeiten, weil das System angesichts des demografischen Wandels sonst kollabieren wird.
Warum aber ist die Zustimmung in der Bevölkerung trotzdem so gering? Die Journalisten förderten auch deshalb Widerspruch, weil innerhalb der Gruppe nicht eine andere, wenigstens ein wenig abweichende Meinung vorgetragen wurde. So entstand auch hier der Eindruck, dass da 5 Leute sitzen, die die Gedanken “normaler” Arbeitnehmer weder kennen, noch kennen wollen und sie geschweige denn nachvollziehen können. Sesselpupser, die sich im Grunde nur darüber mokieren, dass andere Menschen sich über ein bestimmtes Alter hinaus, keine Weiterarbeit in ihrem Beruf mehr vorstellen wollen und können.
Seit Jahrzehnten (besser seit fast 100 Jahren) gilt die Altersgrenze von 65 Jahren als Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand. Anfang 1916 wurde nämlich das allgemeine Renteneintrittsalter von 70 Jahren auf 65 Jahren abgesenkt. Auch das steckt tief in den Köpfen der Leute. “Alle konnten ab 65 ihre Rente genießen — wir nicht!”.
Das in der öffentlichen Diskussion vorherrschende Argument, dass es für ältere Arbeitnehmer schwer ist, einen Arbeitsplatz bis zur Erreichung der Altersgrenze zu behalten oder, falls der jetzige verloren ginge, noch einen neuen zu bekommen, wird es wohl auch nicht alleine sein.
Mich wundert es, dass gar nicht darüber diskutiert wird, welchen Anteil das heutige Arbeitsklima in vielen Unternehmen hat. Welchen Stellenwert haben Mitarbeiter in der heutigen Arbeitswelt? Human Capital. Eine Worthülse, die heute nicht mehr so oft benutzt wird, wie es noch vor ein paar Jahren der Fall war. Solche Vokabeln sind abgegriffen und sinnentleert. In die Unternehmen gelangten solche Vokabeln durch Heerscharen von Fuzzis irgendwelcher Jeden- und Allesberater. Aber — nicht Powerpoint-Folien überzeugen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern das Handeln und das Vorbild richtiger Menschen.
Solche Powerpoint-Folieninhalte bezeichnen nicht den Wert eines jeden Menschen im Unternehmen, sondern stehen für die Gleichsetzung der menschlichen Arbeitskraft mit den anderen Ressourcen, die an der Wertschöpfung beteiligt sind. Wir haben es zugelassen, dass der Wert menschlicher Arbeit verliert. Er, der Mensch, ist ein Kostenfaktor. So wird er betriebswirtschaftlich betrachtet und eingeordnet. Wer den Regeln nicht entspricht, weil er älter und langsamer ist und/oder zu teuer, wird ersetzt oder gestrichen.
Meine Behauptungen werden Ärger und Widerspruch auslösen. Ja, die Situation ist nun einmal wie sie ist und einen besonderen Sinn für betriebswirtschaftliche oder auch volkswirtschaftliche Zusammenhänge konnte nicht entwickeln. Nicht mal die 43 Berufsjahre haben gelangt, um mir begreiflich zu machen, dass man an diesen Paradigmen nicht rütteln kann und es auch überhaupt nichts zu rütteln gibt. Aber ich bin nicht allein!
Wie oft höre ich, auch außerhalb meines persönlichen Kollegen- und Bekanntenkreises, Klagen über den Umgang miteinander, über das Klima, dem man sich ausgesetzt fühlt!? Diese Klagen haben einen Umfang und eine Dimension, die ich lange Zeit nicht für möglich gehalten habe. Ok, es sind keine jungen Leute, sondern eher solche ab Mitte 40. Junge Kollegen kennen es nicht anders und versuchen sich, in dieser Welt zu behaupten. Das ist gut und ich will ausdrücklich erwähnen, dass ich es für gut halte, dass das so ist.
Leute ab Mitte 40 sind diejenigen, die es schwer haben, eine neue Arbeitsstelle zu finden. Auch wenn die Schönredner eine Entspannung am Arbeitsmarkt auch für ältere Arbeitnehmer ausmachen, die Realität sieht anders aus. Die Leute, die die graue Masse von in Wahrheit ca. 5 Mio. Arbeitslosen in unserem Land darstellen, sind nicht minderqualifiziert oder unwillig, eine Arbeit anzunehmen. Viele von diesen sind die, die Pech hatten. Pech, weil ihre Firmen pleite gegangen sind und sie zu diesem Zeitpunkt Mitte bis Ende 50 oder noch älter waren.
Immer wieder klingt an, dass in der Bevölkerung eine tiefe Verunsicherung herrscht. Angst vor Hartz IV oder dem Schrumpfen des Mittelstandes sind die Stichworte. Natürlich spielen diese Dinge eine große Rolle, weil es existenzielle Fragen sind. Jedenfalls für einfache Menschen. Die fünf Journalisten fühlten sich berufen, dem einfachen Volk Zusammenhänge näherzubringen, mit deren Konsequenzen sie selbst nicht rechnen müssen. Ich unterstelle, dass sie als Intellektuelle auch über das 65. Lebensjahr hinaus gern weiterarbeiten würden. Sollen sie. Kein Problem. Da unterscheiden sie sich kaum von Politikern. Aber letztere müssen für ihr Tun die Verantwortung übernehmen. Journalisten tragen in dieser Hinsicht null Verantwortung. Manchmal spürt man das.












Sehr interessanter Artikel, den Sie gepostet haben. Ich muss zugeben, dass ich diese Materie von Ihren Standpunkten aus noch niemals zuvor betrachtet habe.
Franky Gramts(Zitieren) (Antworten)