Scheißjobs

April 14, 2011 2 Kommentare » | Dieser Artikel wurde 72 x aufgerufen.
Beitrag versenden | Beitrag drucken

Angeblich geht es am deutschen Arbeitsmarkt entspannter zu. Nach einer aktuellen Studie des DGB gibt es allerdings Motivationsprobleme bei vielen Arbeitnehmern. Das ist auch keine neue Erkenntnis mehr. Seit Jahren wird auch darüber diskutiert.

Auch als aufmerksamer Beobachter kann ich mir kein klares Bild machen. Wer ist verantwortlich für die schlechte Stimmung in den Unternehmen? Sind es wirklich die Arbeitgeber und ihre zum Teil erfolgreich gegen unliebsame Mitarbeiter eingesetzten Anwälte, oder tragen die Arbeitnehmer durch ihr Verhalten die Schuld daran?

Da hat man es mit denen zu tun, die auch in diesem Bereich schnell mit dem Urteil zur Hand sind, dass früher alles besser war. Ich weiß das und doch traue ich mich nicht, diese Haltung zu übernehmen und sogleich zur Tagesordnung überzugehen. Junge Menschen beginnen bereits ihre Berufstätigkeit in einem ganz anderen Umfeld. Sie finden sich naturgemäß schneller zurecht als ältere. Sind die tatsächlichen Erfahrungen der älteren Arbeitnehmer aber wirklich so schlecht, dass ihr Stöhnen damit begründet werden könnte?

Aus meiner Sicht kann ich das nur bejahen. Persönlich habe ich in den Jahrzehnten meiner Berufstätigkeit einige Höhen und Tiefen erlebt. Viele berufliche Wechsel habe ich dabei nicht hinter mir. Vielleicht ein bisschen aus Bequemlichkeit, in erster Linie aber deshalb, weil ich glücklich und zufrieden mit meiner Arbeit war.

In meinem Ausbildungsbetrieb habe ich 7 Jahre gearbeitet, danach hatte ich insgesamt nur 3 weitere Stellen. In der ersten Firma habe ich 17 Jahre lang gearbeitet. Als Vertriebssachbearbeiter habe ich schnell die Position des Innendienstleiter übernommen und schließlich Prokura erhalten. Die Firma ging Pleite, ich wechselte mit Anfang 40 in eine andere Branche – wieder als Innendienstleiter mit Handlungsvollmacht. Auch diese Firma wurde (nach 10 Jahren) geschlossen.

Solche Biografien soll es nicht so selten geben. Auch für die persönliche Entwicklung eines Menschen sind das Hypotheken, an denen man ordentlich zu knabbern hat. Man kann feststellen: Blöd gelaufen! Zweimal neu gestartet – alles gegeben und am Ende nichts davon gehabt. Die Lebensuhr läuft weiter. Was war interessiert keinen. Jedenfalls nicht im Berufsleben. War das je anders?

Die jungen Leute kommen in eine Arbeitswelt hinein, die insofern völlig anders ist, als die Anforderungen an ihre Mobilität und Leistungsbereitschaft von vornherein höher sind. Allein aufgrund des höheren Wettbewerbsdrucks wird eine Leistungsbereitschaft vorausgesetzt, die auf der Seite der Arbeitgeber keinen adäquaten Widerhall findet. Ich denke an un- oder schlechtbezahlte Praktika, an zeitbefristete Verträge und ähnliches. Grundsatz ist heute: Man wohnt dort, wo die Arbeit ist. Das ist auch keine neue Aussage aber sie hat in viel größerem Maße Geltung wie dies vor zwanzig Jahren noch der Fall gewesen ist. Nur passt die Unsicherheit, die viele Arbeitnehmer heute empfinden, überhaupt nicht zu diesen Anforderungen.

Ich glaube, die Bedeutung der eigenen Leistung hat sich ganz enorm relativiert. Das gilt natürlich nicht für die eigene Wahrnehmung. Die Fähigkeit zur Teamarbeit wird heute betont. Bei den heutigen komplexen Arbeitsinhalten wundert das nicht. Schon allein deshalb macht das Sinn, weil in vielen Bereichen hochspezialisierte Leute tätig sind. Nur ein vernetztes Arbeiten bringt die Organisationseinheit und damit das Unternehmen nachhaltig nach vorn. Was aber bedeutet Teamarbeit für das Selbstwertgefühl des Individuums? Sie hat wahrscheinlich nicht nur positive Aspekte. Der Einzelne spürt schnell, wie austauschbar er ist – auch wenn dies nicht unbedingt thematisiert wird. Es wird selten über so etwas geredet, aber erfahren haben das wahrscheinlich schon viele Menschen.

Der Kern des Problems liegt m.E. darin, dass es an Lob und Anerkennung mangelt. Nicht nur die Anerkennung des Vorgesetzten oder der Geschäftsleitung, sondern vielmehr die gegenseitige Anerkennung unter Kollegen. Wir klagen im gesamtgesellschaftlichen Kontext darüber, dass wir uns über die vergangenen Jahrzehnte stark entsolidarisiert hätten. Dieser Effekt hat vor der Arbeitswelt natürlich nicht halt gemacht. Vielleicht ist es auch anders herum und die Geschäftswelt hat der Gesellschaft ihren kapitalistisch geprägten Stempel aufgedrückt. Wundern dürfte man sich darüber auch nicht.

Das könnte dich ebenfalls interessieren:

2 Kommentare

  1. Peter 19. April 2011 at 11:50 - Antworten

    Wirklich sehr interessanter Bericht!
    gerade den Aspekt das man bei der so viel geforderten Teamarbeit von zwei Seiten vom Pferd fallen kann, finde ich sehr Interessant.
    Gerade das austauschbare scheint mir dabei (du erwähntest es bereits) das Hauptproblem zu sein. In der momentanen Arbeitssituation ist es so das die Menschen, gerade die kommenden Generationen ja quasi dazu erzogen werden für die Arbeit zu leben.
    Für den Arbeitgeber natürlich Paradisische zustände denn sobald ihm ein Mitarbeiter unlieb wird ist der Austausch kein riesen Akt vor dem er sich zu scheuen braucht. Und die neue Generation von “Arbeitern” lässt vieles mit sich machen bis es ihre Würde unterschreitet.
    Ich bin gespannt wie sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren verhalten wird!
    Aber sehr gut von dir das du dir die Mühe gemacht hast und einen Artikel darüber verfasst hast.
    Gruß aus dem schönen Bremen.
    Der Peter

  2. Horst 19. April 2011 at 12:48 - Antworten

    Schön, dass der Artikel dir gefallen hat. Ich habe persönlich sehr viel andere Zeiten erlebt und frage mich nicht selten, was sich eigentlich gegenüber früher so sehr verändert hat. Ich meine, außer, dass ich älter geworden bin. ^^

Dein Kommentar