Kurz vor der Heiligsprechung: Erneuerbare Energie

April 18, 2011 5 Kommentare » | Dieser Artikel wurde 81 x aufgerufen.
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Kurz vor der Heiligsprechung: Erneuerbare Energie

Windparks


Wir wollen sauberen Strom, mehr Verkehr auf der Schiene, wir wollen alternative Energien, wir wollen schneller von A nach B, wir wollen sichere Arbeitsplätze, wir wollen gesunde Lebensmittel, und wir wollen das alles jetzt und so billig wie möglich. Aber wir wollen keine Atomkraft (obwohl wir sie dann aus unseren Nachbarländern beziehen werden), keinen hypermodernen Bahnhof (Stuttgart21),  keine neuen Flugplätze (Berlin/Brandenburg), nicht unsere Nachtruhe durch Fluglärm gestört sehen und auch keine “Verspargelung” der Landschaft.

Von zunehmendem Landschaftsverbrauch redet man deshalb (noch) schönfärberisch. Alle diese Dinge sind nicht kompatibel. Und wir wissen das!  Ja — wir sind “notfalls” auch bereit, uns vor Gericht zu streiten – durchaus auch wegen elender Nichtigkeiten. Dann beklagen wir uns darüber, dass die Verfahren so lange dauern.

Viele finden wohl, dass Röttgen ein bisschen viel schön daherredet. Wenn so was ginge, ich hätte mich gern für einen Moment ins Gehirn von Prof. Sinn eingeklinkt. Nur, um seine Gedanken mal ganz ungefiltert zu hören.  Letzte Woche bei Maybrit Illner lauschte er gemeinsam mit den anderen Gesprächsteilnehmern den Ausführungen unseres verehrten Herrn Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Ich bin mir nicht mehr schlüssig, was und wem ich eigentlich noch glauben soll.

Wirtschaftsmann Sinn ist es jedenfalls nicht. Mit Zahlen allein lassen sich die Menschen nicht überzeugen. Das wäre anderes, wenn man dazu in der Lage wäre, die Richtigkeit der Zahlen zu prüfen. Aber wer kann das schon? Aber auch hier muss man sich kritisch fragen, will ich mich überhaupt sachlich mit dieser komplizierten Materie auseinandersetzen. Es gibt doch so viele Menschen, die ihre Meinung gebildet haben, ohne auch nur einen Bruchteil davon zu verstehen, was die so genannten Experten uns über die Details erzählen. Ich habe den Eindruck, dass Prof. Sinn das wohl inzwischen auch eingesehen hat. Er hinterließ -jedenfalls auf mich- den Eindruck eines desillusionierten Menschen, der es (jedenfalls seiner Meinung nach) besser weiß, dem aber keiner mehr richtig zuhören mag.  Ja, Herr Sinn. Das kommt davon, wenn man immer nur in eine Richtung argumentiert.

Wir wollen jedenfalls was ändern! Notfalls auch mit Gewalt. Wir hauen die Bremse rein – im vollen Lauf. Da kommen ein paar nicht mit?! Wie ich schwanken sie zwischen der Einsicht, dass es in einem hochindustrialisierten Land wie dem unseren merkwürdig anmutet, wenn plötzlich alle zu glauben scheinen, dass man das alles auch ganz anders machen kann. Das Wachstumsgelaber war also doch nicht alternativlos? Ich wünsche mir genau das – seit Jahren. Einen Wechsel unseres Bewusstseins, das es nicht immer nur weiteres Wachstum geben kann. Japan bringt den Paradigmenwechsel?  Jetzt bin ich total verunsichert und wundere mich darüber, wie nicht nur die politische Landschaft durch die Katastrophe in Japan aufgemischt wurde.

Und wieder bin ich sehr schnell bei dem Punkt, an dem ich mich frage, warum ich keinem Politikern mehr einen einzigen ehrlichen Gedanken abnehmen möchte. Und ich weiß: das ist nicht gut. Vielleicht könnte man zu dem Schluss kommen, dass wir Politiker eigentlich gar nicht brauchen. Die wirtschaften doch nur in die eigene Tasche und so. Nur, in dieser Einfachheit liegt eben doch nicht immer die Wahrheit. Wenn diese phasenweise durchaus glaubhaft und sympathisch daherkommt.

Ich erwarte von unseren Politikern, dass sie auch in diesen sehr schwierigen Zeiten einen klaren Kopf behalten und das tun, wofür wir sie gewählt haben.

Was glaubt ihr, wie viele sich diesem Standpunkt anschließen können? Auch deshalb, weil das schon wieder so schön einfach ist. Nur – bei näherem Hinsehen ist es das nicht. Derweil werden wir immer egoistischer und vor allem scheint mir: Das Grundvertrauen in andere ist uns verloren gegangen.

Wir wissen, dass die kurz vor der Heiligsprechung stehenden “erneuerbare Energie” zuerst einmal auch nichts anderes ist, als ein Wechsel auf die Zukunft. Ob wir den Switch wollen ist aus momentaner Sicht nicht Frage. Ob wir den Wechsel ziehen oder ob wir dies, was viel wahrscheinlicher ist, nicht einmal mehr unseren Nachkommen überlassen, ist eine der wichtigen Fragen, die wir zu beantworten hätten. 2 Billionen Euro Schulden hat Deutschland. Wilhelm Buschs Spruch “Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert” kann hier nicht greifen. Dann werden die meisten von uns ja längst woanders unserem Egoismus frönen. Jedenfalls, wenn das dort zulässig sein sollte.

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5 Kommentare

  1. Jürgen Hugo 18. April 2011 at 20:28 - Antworten

    Vielleicht sollt ich so´n kleines Windrad auf meinem Balkon aufstellen? Sonst benutz ich den eh nich kaum… :? ?

  2. Andreas 18. April 2011 at 22:45 - Antworten

    Naja, bis zur Abschaltung der AKWs war Deutschland ein nicht zu kleiner Stromexporteur. Und auch jetzt scheint Strom alles andere als knapp zu sein. 20% unseres Stroms kommt aus Atomenergie und 17% aus erneuerbaren Energien. Niemand will ernsthaft morgen den kompletten Ausstieg aus der Atomenergie, aber es will mir einfach nicht in den Kopf, dass wir mindestens diese 20% in den nächsten Jahren nicht aufholen kann, wenn man denn mal wirklich richtig ernsthaft daran arbeitet.

    Ich kann das nicht, ich kann es nur fordern. Daran arbeiten können nur die Energieerzeuger – und die hatten bisher weder ein nachhaltiges Interesse daran, noch eine Not es zu tun. Zumindest die Not scheint langsam zu kommen …

  3. Horst 19. April 2011 at 07:47 - Antworten

    Du geht aber leider nicht auf das Hauptproblem ein. Das sind die Bürger, denen man gar nichts mehr recht machen kann. Wo sollen z.B. die zusätzlichen Windparks hin, die wir benötigen, um den Ausgleich vorzunehmen? Übrigens habe ich andere Zahlen bezüglich der aktuellen Anteile der Energieerzeuger. Zudem gibt einen deutlichen Unterschied zwischen den Anteilen bei der Grundlast und dem Verbrauch. Bei dieser beträgt der Anteil des Atomstroms angeblich 40%.

  4. Andreas 19. April 2011 at 08:01 - Antworten

    Jein, das geht schon auch an das Hauptproblem. Man muss tatsächlich umdenken und manche Sachen akzeptieren. Wir haben hier im Ort z.B. gerade das Problem mit einer Biogasanlage. Auch dort sind die Anwohner (>200m) auf die Barrikaden gegangen. Andererseits wollen natürlich alle regenerativen Strom. Tscha.
    Das Problem am Atomstrom ist, dass man den nicht einfach regeln kann. Deswegen hat er bei der Grundlast einen höheren Anteil und regenerative Energie wird zurück geregelt. Und andere Zahlen hat in der Politik jeder zu jedem Thema. Immer wie es gerade gebraucht wird ;-) Der eine sagt z.B. ein GAU tritt alle 250.000 Jahre mal auf, der nächste kommt daher und behauptet 3 x in 25 Jahren ist auch möglich. Man weiß es nicht.
    Du hast Recht, ich wäre sehr wahrscheinlich ebenfalls mäßig begeistert, wenn mein Haus plötzlich unter einen Windrad steht. Andererseits habe ich auch schon neben einer Bahnstrecke gewohnt.

  5. Horst 19. April 2011 at 12:45 - Antworten

    @Andreas: Die Einsicht sollte der eigenen Bequemlichkeit oder dem Egoismus weichen. Die Dinge sind längst soweit fortgeschritten, dass man unterstellen sollte, die Leute wären einsichtig. Aber ich habe persönlich überhaupt nicht diesen Eindruck. Im Gegenteil: Jeder versucht partout seine Sichtweise durchzusetzen. Ich erlebe es nicht so selten, dass ein differenziertes Bild in vielen Diskussionen nicht einmal erahnbar ist. Die Leute denken nicht daran, ihre alten Gewohnheiten zu ändern. Dabei ist genau das nötig. Ich bin jedenfalls fest überzeugt, dass das so nicht mehr lange gehen wird. Vielleicht sehe ich aber auch einfach nur zu schwarz. Junge Leute machen sich (vielleicht zum Glück?) darüber keinen Kopf. Ich will damit nicht sagen, dass sie kein kritisches Bewusstsein zum Thema hätten. Aber sie sind eher bereit, gewisse Fehlentwicklung als unvermeidlichen Preis zu akzeptieren. Das fällt mir -ehrlich gesagt- immer schwerer.

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