Leider war ich in den letzten Jahren häufiger beim Arzt als mir lieb war. Die Jungs zwischen 50 und 60 sind bekanntlich ja anfällig. Ich war leider -mal wieder- keine Ausnahme. Im Gegensatz zu vielen Berichten, die mir nicht nur über die Medien, sondern auch über meinen Familien- und Bekanntenkreis zu Ohren kamen, habe ich mich grundsätzlich immer gut behandelt gefühlt. Ich hatte keine Beanstandungen.
Im Wartezimmer, je nach Arzt, auch mal ein bis zwei Stunden zu warten, war noch das negativste Erlebnis. Das Wesentliche hat gestimmt. Bei den Wartezeiten für einen Termin konnte ich mich ebenfalls nicht beklagen. Nicht beim Hautarzt, beim Augenarzt, beim Orthopäden und schon gar nicht beim Hausarzt. Alles lag im Rahmen. In einem Fall habe ich allerdings wahrheitsgemäß auch angegeben, dass ich unter akuten Beschwerden litt. Ich konnte sofort kommen. Und das als Kassenpatient.
Ich weiß von Fällen, in denen lange Wartezeiten in Kauf genommen werden mussten. Das ist nicht schön – aber wenn die Gesundheit dadurch doch nicht gefährdet wird. Warum also regt sich Spiegel Online wieder mal auf? Sommerloch. Klar.
Im Artikel heißt es:
Gesetzlich Versicherte warten 71 Tage auf einen Termin beim Facharzt, Privatpatienten 19: Eine Studie zeigt nach SPIEGEL-Informationen, wie Mediziner Kassenpatienten systematisch benachteiligen. Aus Sicht der Ärzte ist das durchaus sinnvoll – so verdienen sie mehr Geld.
Was ich nicht verstehe, ist die Behauptung, dass Ärzte mehr Geld verdienen würden, wenn sie Privatpatienten früher dran nehmen als Kassenpatienten. Richtig wäre das nur dann, wenn der Arzt dadurch mehr Privatpatienten und weniger Kassenpatienten behandeln würde.
Dabei gehe ich davon aus, dass ein Arzt eine bestimmte Patientenzahl betreut. Ob er die einen früher und die anderen später verarztet, wirkt sich auf sein Einkommen nicht aus. Erst wenn er zunehmend Privatpatienten behandelt wird er auch mehr verdienen. Das läge dann allerdings eher am System als an der Gier der Ärzte.
Mache ich einen Gedankenfehler?












Nen kleinen Fehler machste. Viele der Kassenpatienten werden durch die langen Wartezeiten abgeschreckt, sodass tatsächlich mehr Privatpatienten bedient werden können und somit auch mehr Geld verdient wird.
Wenn das so ist hast du natürlich recht. Aber brauchen diese Patienten dann plötzlich keine Behandlung mehr?
Der Gedankenfehler ist, dass du die Budgetierung vergisst. Ein Arzt darf in einem Quartal nur eine bestimmten Zahl von Kassenpatienten behandeln, wenn er nicht umsonst arbeiten möchte. Dieses Problem hat er mit Privatpatienten nicht. Wenn er also bei Privatpatienten pro Patient verdient und bei Kassenpatienten ab einem gewissen Punkt einfach Schluss ist, verdient er tatsächlich mehr, wenn er Kassenpatienten wann immer möglich bis zum Folgequartal warten lässt.
In der Tat liegt das Problem aber weniger in der Gier der Ärzte als im System selbst. Denn die von der Politik vorausgesetzte Erwartung, Ärzte wären vielleicht irgendwie besondere Menschen und würden darum gerne ohne Entlohnung arbeiten, ist eben reichlich abenteuerlich.
Was die Wartezimmerzeiten angeht, so sind zumindest da wo ich wohne 2-3 Stunden das Mindeste, dass man mitbringen sollte. Mir ist dabei nicht aufgefallen, dass Privatpatienten da irgendwelche Vorteile hätten aber da meine Ärzte auf dem Dorf praktizieren, wo potenziell jeder jeden kennen würde und sowas schnell auffliegen würde, kann das natürlich sehr regionalspezifische Gründe haben. Fakt ist aber, dass Ärzte leider überhaupt keinen Anreiz haben, ihrer Kundschaft den bestmöglichen Service zu bieten, denn sie können weder ihre Preise selbst festlegen, noch gewinnen sie etwas, wenn sie mehr Patienten anlocken können. Sicherlich funktioniert unser Gesundheitssystem auch so – aber Kundenfreundlichkeitswunder sollte eben niemand erwarten, denn Kundenfreundlich ist nur, wer um seine Kunden kämpfen muss.
Ich war in den letzten Monaten auch ein paar Mal bei unterschiedlichen Ärzten. Einen Termin habe ich jeweils immer binnen weniger Tage bekommen. Beim Hausarzt sind vor Ort fünf Minuten Wartezeit das Maximum, bei den Fachärzten dauerte es zwischen 20 Minuten und etwas über einer Stunde.
Es kommt wohl doch auf den Arźt an.
Was die bevorzugte Behandlung von Privatpatienten angeht: Es lohnt sich individuell gesehen sogar ohne Budget für den einzelnen Arzt, denn da er an dem Privatpatienten mehr verdient, möchte er natürlich nicht riskieren, dass der eine lange Wartezeit zum Anlass nimmt, zu einem anderen Arzt zu gehen.
Guten Morgen,
erst einmal ein Lob für deinen Querblog – finde die Idee sehr gelungen.
Zu meinen Erfahrungen kann ich sagen das ich nur im Einzelfall gesehen habe, dass Patianten bevotzugt werden. Es ist ja so das Privatpatienten von den Ärtzen sofort und 3 Mal so hohe abgerechtnet werden können. Da kommt das Geld ins Spiel. Ich benutze immer gerne den Begriff “Geldesel”. Bei manchen Medizinern ist dieser Klassenunterschied deutlich zu bemerken.
Bei meinem Hausarzt ist dies jedoch nicht so bzw. man merkt dies nicht. Dies ist ein wichtiger Punkt denn ich will mich bei meinem Arzt wohlfühlen und ich muss Vertauen zu ihm haben.
Thema Wartezeiten: Da kann ich wirklich nicht sagen das Privatpatienten bevorzugt werden. Bei uns geht das immer nach dem FIFO-Prinzip.
Interessant, wie abhängig das auch vom Wohnort zu sein scheint. Die Angaben differieren ja ganz erheblich – jedenfalls, was die Wartezeiten anlangt.
@Wolfgang: Ich haben einen sehr guten Hausarzt. Da kann es zwar passieren, dass man etwas länger warten muss, aber dann nimmt er sich auch Zeit für einen. Jedenfalls ist das bisher meine Erfahrung gewesen. Es kommt übrigens vor, dass er seine Praxis dicht macht. Vermutlich, weil das Geld (Budget) schon aus ist aber noch so viel Monat übrig ist.
Ich sehe es wie Sven: Wenn ich als Kassenpatient stundenlang warte, geh ich das nächste Mal doch zu einem anderen Arzt.
Dieter,
… und der hat dann Zeit für mehr Privatpatienten. Verstanden.
@Dieter: Aber auch die Möglichkeit, den Arzt “mal eben” zu wechseln, hast Du ja nicht immer. In dem Ort, in dem mein Hausarzt sitzt, gibt es noch drei andere Ärzte, würde ich wechseln wollen, könnte ich von diesen dreien, ohne gleich den ganzen Ort zu wechseln (was mir zwar möglich wäre aber anderen Menschen vielleicht nicht, weil sie zum Beispiel auf eine entsprechende Busverbindung angewiesen wären, die es hier halt so nicht gibt), aber nur zwei auswählen, weil der eine beschlossen hat, keine neuen Patienten mehr zu behandeln, jedenfalls nicht als Hausarzt (Notfälle dürften davon ausgenommen sein).
Als Student war ich bei meinen Eltern als Privatpatient mitversichert. Ich erinnere mich noch recht gut an einen Arzt, der 2 Wartezimmer hatte. Eins für Privatpatienten und eins für Kassenpatienten. Die Wartezeit für Kassenpatienten war deutlich länger.
Nach dem Studium gehörte ich dann zu den Kassenpatienten und habe mir einen anderen Arzt gesucht.
Marcel, Zwei Wartezimmer habe ich auch schon gesehen. Die waren beide voll mit Patienten. Ob sie gesetzlich oder privat krankenversichert waren konnte man nicht erkennen
Die Sprechstundenhilfe hatte uns damals (als Privatpatienten) recht deutlich gesagt, dass das 2. Wartezimmer nur für Privatpatienten sei und wir so auch deutlich geringere Wartezeiten hätten. Das Wartezimmer für die Kassenpatienten war auch deutlich voller
Es ist eine permanent andauernde Diskussion – Privatpatient oder Kassenpatient. Schuld an der Misere sind natürlich nicht nur die Ärzte, die Kassen tragen schon auch viel dazu bei. Z.B. die bereits erwähnten Budgets. Allerdings darf man nicht vergessen, dass das Entstehen dieser Budgets die Ärzte selbst verschuldet haben. Über zig Jahre hinweg haben sie derbe Abrechnungen betrieben und somit Kosten ohne Ende verursacht. Die Folge daraus -> Budgets! Der Leidtragende ist der Patient. Denn 6 Wochen warten wenn ich zum Orthopäden muss ist ein Witz, aber eben Fakt.
Glaube aber nicht, dass Privatpatienten NUR besser gestellt sind. Die Kürzungen welchen die Ärzte von den gesetzlichen Kassen aufgedrückt bekommen holen sich etliche auf anderem Wege zum Teil zurück. Wie? Ich habe gestern darüber berichtet. Der Privatpatient hat also nicht nur Vorteile sondern muss speziell bei den Abrechnungen noch mehr aufpassen als der Kassenpatient. Letzterer hat damit ja nichts zu tun… außer den 10 Euro für die Kaffeekasse
Auf der einen Seite ist das ein Problem mit dem System an sich, denn wie ja schon richtig angemerkt wurde, auch ein Arzt, mag er seinen Beruf aus noch so altruistischen Gründen praktizieren, will und kann nicht umsonst arbeiten, und zum anderen aber auch je nach Arzt sehr unterschiedlich.
Hier ist natürlich im Vorteil, wer in Großstädten wohnt, denn dann besteht die Möglichkeit, Ärzte zu finden, die zumindest versuchen, die Unterschiede gering zu halten und die sehr patientenfreundlich agieren.
Kurz: Ich denke, es ist stark fallabhängig.
Das Zweiklassenmedizin ist doch schon lange gang und gäbe. Mir sind schon mehrere Termine versagt worden, weil ich Kassenpatient bin.