Die aktuelle Ausgabe der Zeit enthält ein Dossier mit dem Titel “Das gelobte Land”. Meine Augen wurden beim Lesen größer und größer und an einigen Stellen war ich … echt gerührt! Ja, Deutschland ist gemeint, und ich war bass erstaunt.
So viel Gutes konnte man da über Deutscheland und seine Bevölkerung lesen – überwältigend. Aber — viele Einheimische werden sich mit dem über Seiten hinweg gezeichneten Bild deutscher Gegenwart kaum identifizieren.
Daniel Cohn-Bendit wird zitiert: «Kein Volk war so sehr dazu gezwungen, sich seiner Vergangenheit zu stellen, wie die Deutschen. Und das fing an mit den Bewegungen in den sechziger Jahren. Deutschland ist ein Land, zivilisierter als viele anderen, weniger autoritär, weniger paternalistisch, mit einem ausgeprägten sozialen Gewissen und einer guten Debattenkultur». Der Autor merkt dazu an, es sei bemerkenswert, wenn dieses Kind jüdischer Eltern, die 1933 von den Nazis nach Frankreich flohen, stolz wie ein Staatsgründer über Deutschland spricht. In der Tat. Dies ist es selbst dann, wenn er damit ein gewisses Selbstlob verbindet. 1968 lässt grüßen.
Zu meiner Überraschung handelt es sich bei dem von 4 Autoren erstellten Dossier nicht etwa um das Bild von Deutschland, das sich dem Betrachter von außen darstellt. Die Meinung einiger Ausländer, die schon einige Zeit in Deutschland leben, wurde ebenso verarbeitet, wie ein paar Statistiken, deren Aussagen man früher schon ab und an mal mit Schulterzucken zur Kenntnis genommen hat. Wie beispielsweise die Aussage, dass Deutschland das beliebteste Land unter allen 27 EU-Staaten ist. Deutschland wurde —nach Spanien— während des miesen Sommers 2011 von Ausländern häufiger besucht, als Frankreich und Italien.
Nur wenig haben die Autoren gefunden, was den blauen Himmel ein wenig eintrübte. Unsere Einstellung zu den Griechen etwa. Aber selbst Günther Öttingers Vorschlag, die Fahnen verschuldeter Staaten vor EU-Gebäuden auf Halbmast zu setzen, kratzte nicht am positiven Image. Zum Glück —sonst hätte ich es kaum ertragen können— wurde die Daily Mail mit der Unverschämtheit zitiert, über die ich mich schon vorher ordentlich aufregen konnte: “Wo Hitler bei der Eroberung Europas mit militärischen Mitteln versagte, haben die modernen Deutschen mit Handel und Finanzdisziplin Erfolg. Willkommen im vierten Reich”.
Wenigstens das klingt nicht nach besonderer Herzlichkeit und stimmt mich alles in allem ein bisschen versöhnlich. Zu viel Positives ist für einen Deutschen schlichtweg irritierend. Und dass ein solches Dossier von deutschen Journalisten erstellt und in einer deutschen Zeitung gedruckt wird, ist ja doch allerhand. Dabei waren mein Schwager und ich uns gestern Abend noch vollkommen darüber einig, wie beschissen sich Deutschland doch entwickelt hat.
Nun ist der Zeit – Artikel online:
Zufluchtsort Deutschland: Das gelobte Land | Politik | ZEIT ONLINE











Nach Rückkehr von einer langen Reise
In vielerlei Gestalt zu vielen Orten steht man urplötzlich einem Deutschlandbild gegenüber, dass auch eines ist, wenn auch unter vielen anderen. Man kann sich schnell abwenden und nichts ist geschehen. Man kann der Irritation aber auch Zeit für Gedanken geben. Auch angesichts der grassierenden Selbstbelobigungen/Selbstberuhigungen: Es geht uns besser als gedacht, weil es uns schlecht geht.
Zitat aus: „Die Fahrt“, Sibylle Berg, rororo 24775, März 2009, ISBN 978-3-499-24775-0
„Was ist nur aus den Deutschen geworden? Wie traurig ist das alles. Diese Fettwurst essende Gemeinschaft von Fußballprolls. Hurra, wir sind Deutschland, und wir sind stolz drauf. Worauf nur, ihr Dumpfbacken? Dass ihr die Fahne wieder ansehen könnt, ohne euch zu übergeben? Dass sich das Land von allem Dreck reinigte, brauchte sicher noch 100 Jahre, die müssten erst alle aussterben, diese Scheißkriegsgeneration, mit ihrem Glauben an alles, was von oben kommt, an Gesetze und links und rechts, und nur nicht selbst denken, das ist heute deutsch, und das gehört weg. Dann würde das vielleicht wieder ein normales Land. Mit vielen dummen Menschen wie überall, und ein paar guten, die versuchen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“ (S. 284)