Bekannter Blogger, beleidigte Leberwürste und die Meinungsfreiheit

November 14, 2011 14 Kommentare » | Dieser Artikel wurde 578 x aufgerufen.
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Mir ist egal, wie Jörg Menschen nennt, die sich an Kindern vergehen. Ja. Und soll er doch seine Abneigung zu Religionen und zu Katholiken im Besonderen in die Welt bloggen. Allerdings mit etwas mehr Umsicht. Jörgs Formulierungen gehen meines Erachtens zu weit. Und ja, ich sage das auch als zahlendes Mitglied der katholischen Kirche. Ich fühle mich in Sippenhaft genommen, und das ärgert mich!

Viele Kommentatoren in Jörgs Blog positionieren sich unmissverständlich gegen die katholische Kirche, die eine Klage eingereicht hat. Wie ich dazu stehe, kann ich nicht mal sagen.

Mir geht es um Jörgs Formulierungen, die eben nicht nur auf Taten und Täter zielen, sondern auf die gesamte katholische Kirche — ihre Mitglieder eingeschlossen. Das empört mich, und natürlich nicht mich alleine. Vielleicht erfüllt die Formulierung sogar einen Straftatsbestand. Die Anklage bezieht sich (s. Jörgs Blog) auf einen Gotteslästerungsparagraphen. Im Strafgesetzbuch findet sich unter §166 StGB etwas über »Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen«. Klingt weniger antiquiert, soll allerdings von der UN schon beanstandet worden sein. Seit 1969 ist in dem entscheidenden Paragraphen nicht mehr von “Gott” und “lästern” die Rede, sondern von »religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses«. Ich finde, das macht auch schon mal einen Unterschied. Aber das werden die Gerichte klären.

Ich bin skeptisch, dass ein Streisand-Effekt entsteht, wie manche es sich wünschen. Ein paar Millionen Mitglieder hat diese katholische Kirche noch und da werden nicht alle Jörgs Haltung teilen wollen.

So unsympathisch “diese” Kirche und ihr Kölner Repräsentant Meissner für viele sein mögen und so abscheulich die Verbrechen an Kindern sind, die im Verantwortungsbereich der katholischen Kirche begangen wurden, hier ist einer über das Ziel hinausgeschossen.

Im Gegensatz zu den Hardcorekritikern sehe ich, dass die Kirche sich mit den von ihren Repräsentanten begangenen Verbrechen auseinandersetzt. Das geht langsam und Fortschritte sind gering. Ich höre, wie sich manche der Opfer darüber beklagen, dass nichts richtig vorwärts geht. Aber die Vorhaltungen, die von Kommentatoren in Jörgs Blog gemacht werden, nämlich, dass nichts geschehen würde, sind unberechtigt. Sie zeigen, dass diese Leute sich mit den Vorgängen nicht (mehr) auseinandersetzen. Auch dafür kann man Verständnis haben. Aber vielleicht sollte man sich dann auch etwas zurückhalten mit groben und gröbsten Vorwürfen.

Fortschritte in der Aufarbeitung der schrecklichen Vergehen in der Kirche gehen für viele quälend langsam vonstatten. Vielleicht verlieren sie ihre Hoffnung in die Gerechtigkeit. Das kann ich nicht ausschließen. Viele Betroffene kritisieren das und sie haben dazu jedes Recht!

Wenn man allerdings den Diskurs im Internet verfolgt, was ich auch nicht ständig tue, so macht es mir Sorgen, mit welcher Vehemenz aber auch alles niedergemacht wird, was seitens der Kirche vorgebracht und getan wird. Jede Meinung scheint in der Anonymität des Webs mehr zu zählen, als eine, die von jemandem kommt, der nicht seinen Glauben abgelegt hat. Das bewerte ich nicht. Es steht mir nicht zu. Aber bitte, ich hätte schon gerne auch den Respekt, den ich anderen gewähre. Geht das?

Man nannte die Haltung einst Toleranz. Auch ein Wort, das vielleicht bald auf der Liste der “bedrohten Wörter” erscheinen wird. Und eines, von dem man glauben könnte, dass es in unserer Welt ganz besonders wertgeschätzt würde. Zum Glück ist die Art, in der wir uns im Netz auseinandersetzen, noch nicht im Reallife angekommen. Dort gelten Gesetze. Wäre schön, wenn wir uns auf deren Geltung auch hier verständigen könnten. So als Minimalkonsens.

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14 Kommentare

  1. Tom 15. November 2011 at 10:33 - Antworten

    Das kann ich so unterschreiben.
    Nur bei dem Punkt ob die Kirche die Anzeige gestellt hat bin ich mir nicht sicher. Ich glaube, das war ein normaler Blogleser.

    • Horst Schulte 15. November 2011 at 11:56 - Antworten

      Das könnte vielleicht sein. Aber Jörg hat doch etwas anderes geschrieben. Oder habe ich es falsch verstanden?

    • Tom 15. November 2011 at 14:09 - Antworten

      Genau weiß ich es auch nicht, aber es gibt einen Kommentar der behauptete Anzeige erstattet zu haben. Ich denke, das war der Anfang.

  2. Nachdenklich 15. November 2011 at 12:02 - Antworten

    Ich mag die Wortwahl auch nicht, aber ich mag grundsätzlich keine Fäkalsprache, sie beleidigt meine Ohren und jedermanns Intelligenz. Meiner Ansicht nach tun wir uns und unserem Anliegen, welcher Art dies auch immer sein mag, auf allen Seiten keinen Gefallen, wenn wir uns in schöner Regelmäßigkeit der Gossensprache bedienen.

    Nichtsdestoweniger stimme ich inhaltlich mit der Meinung des Schockwellenreiters überein. Es ist skandalös, daß eine Religionsgemeinschaft in der heutigen, vermeintlich aufgeklärten Zeit, nicht nur staatlich gefördert und aus einem verquasten historischen Gendankengang heraus nach wie vor subventioniert wird, sondern sich auch ganz offen und ungestraft jenseits der bestehenden Gesetzgebung bewegen darf. Jede andere Vereinigung hätte nach den Vorkommnissen und Enthüllungen heute von Staats wegen das Wörtchen „kriminell“ davorstehen und wäre zerschlagen worden; ihre Anführer und Täter im Knast oder wenigstens zu hohen Geldstrafen verurteilt worden.

    Toleranz bedeutet, ich muß etwas dulden, ertragen. Aber nicht: gut heissen oder gar unterstützen. Ihr lasst mich in Ruhe, ich lasse Euch in Ruhe. Das wird ganz gerne mal vergessen. Aber vielleicht liegt das auch daran, daß die katholische Kirche keinerlei Toleranz gegenüber Andersgläubigen kennt und ihre Mitglieder aktiv dazu aufruft, die Ungläubigen zum wahren Glauben zu bekehren.

    • Horst Schulte 15. November 2011 at 13:34 - Antworten

      Sehr “nachdenklich” ist Ihr Text ja nicht. Er ist vielmehr die stupide Wiederholung dessen, was man an allen Ecken im Netz lesen kann.

      Keiner hat behauptet, dass man die Kirche nicht kritisieren dürfe. Es geht allein um die Art und Weise und darum, ob man Mitglieder dieser Kirche als Sektenmitglieder beschimpft. Ich finde, das geht zu weit. Aber solche Entgleisungen gelten ja in den Augen vieler Leute heute als legitime Meinungsäußerung, wenn man sie nicht gleich als Basis unserer Pressefreiheit deklariert. Es ist nur noch traurig.

  3. Horst Schulte 15. November 2011 at 15:39 - Antworten

    @Tom: Ja, das hatte ich auch gelesen.

  4. Martin / Dimido IT 15. November 2011 at 17:15 - Antworten

    Erstmal Danke, dass du die dir die über 100 Kommentare bei Jörg durchgelesen hast.

    Ich gebe dir in allen Punkten, deiner Aussagen geben recht – Jörg ist kilometerweit über das Ziel geschossen und als Katholik auch verunglimpft.
    Wobei, dass Gotteslästerung als Straftatbestand gelten soll, finde ich schon lustig – mich wäre eine Beleidigung sachlich richtiger ;)

    • Horst Schulte 16. November 2011 at 00:29 - Antworten

      @Martin: Natürlich ist es eine Beleidigung. Und zwar eine aller katholischen Christen. Ich finde nicht, dass solche Worte unter dem Mantel der Meinungsfreiheit hinausposaunt werden sollten. Leute, die das tun, müssen mit den Konsequenzen leben.

  5. Martin / Dimido IT 15. November 2011 at 17:26 - Antworten

    oh man^^ – hab versehentlich “Enter” gedrückt^^ Bitte die R-Fehler zu entschuldigen…

  6. Nachdenklich 15. November 2011 at 22:30 - Antworten

    @ Horst Schulte Ich bin nachdenklich, aber wir teilen offensichtlich nicht eine Meinung oder denken nicht über dieselben Fragen nach. Jeder erwähnte Vorwurf ist mehrfach belegbar, von stupider Wiederholung kann keine Rede sein. Vielmehr scheint bei Ihnen der Abwehrreflex des Religionsanhängers zu greifen, um das Wort Sektenmitglied mal zu vermeiden.

  7. Horst Schulte 16. November 2011 at 00:24 - Antworten

    @Nachdenklich: Klar doch. Katholiken, eigentlich alle Christen, sind Sektenanhänger. Sie sind nicht bereit, Ihre Position zu überdenken. Und ja, ich bin es ebenfalls nicht. Keine guten Voraussetzungen für einen Dialog, der weiterführen sollte. Ich glaube, sie glauben nicht. Ich sehe die guten Seiten der christlichen und der katholischen Kirche, Sie nicht. Was sollen wir da diskutieren? Sie beginnen die Diskussion mit einer radikalen Beleidigung erster Güte. Damit sind Ihnen sicher viele Ohren von vornherein verschlossen. Aber das wird Ihnen sehr egal sein. Jedenfalls, so hoffe ich, hier im Netz. Ihre private Meinung im echten Leben wird hoffentlich etwas differenzierter sein.

  8. Alchymist 17. November 2011 at 14:08 - Antworten

    Es ist egal, ob man der Meinung ist, dass die Wortwahl geschmacklos war. Was zählt ist, ob man der Meinung ist, dass in unserem Rechtsstaat geschmacklose Äußerungen zu bestrafen sind. Meiner Meinung nach sollte sich jeder Katholik eher durch das Verhalten seines Klerus beleidigt fühlen, als durch solche Äußerungen.

    • Horst Schulte 17. November 2011 at 14:14 - Antworten

      Meiner Meinung nach sollte sich jeder Katholik eher durch das Verhalten seines Klerus beleidigt fühlen, als durch solche Äußerungen.

      Wer sagt denn, dass nicht viele Katholiken genau das sind? Mit diesen Verbrechen wird kaum jemand leichtfertig umgehen. Aber die Kirche besteht nicht aus pädophilen Verbrechern. Auch wenn manche Leute das nicht glauben möchten.

      Für meine Begriffe geht es doch nicht allein darum, dass Jörg geschmacklose Äußerungen von sich gegeben hat. Er hat Leute, die er nicht kennt in einer Weise beleidigt, die im normalen Leben mit einem Schlag in die Fresse quittiert worden wäre. Ich würde mich jedenfalls nicht von irgendwem als Kinderficker beschimpfen lassen. Du etwa?

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