Humankapital – eigentlich definiert der Begriff den Stellenwert des Menschen in der Arbeitswelt ganz gut

Dezember 21, 2011 2 Kommentare » | Dieser Artikel wurde 290 x aufgerufen.
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Würde ich mit fast 58 Jahren arbeitslos, wäre ich in einer ziemlich beschissenen Situation. Und zwar zunächst einmal ganz unabhängig davon, ob die Rente mit 67 am 1. Januar 2012 Realität wird und ich deshalb theoretisch ein paar Monate länger arbeiten müsste.

Mit 58 bekäme ich zwei Jahre lang Arbeitslosengeld und müsste diese Zeit vermutlich komplett dafür nutzen, solche Erläuterungen für Kunden der Arbeitsagentur (81 Seiten) zu studieren. Das macht einen ähnlich aufwändigen Eindruck wie “der Prozess” von Franz Kafka. Gut, ich übertreibe — etwas.

Die Perspektiven und Chancen am Arbeitsmarkt sind trotz der »glänzenden« Zahlen, auf die unsere Regierung gern verweist, für ältere Arbeitnehmer immer noch zu schlecht. Und darüber redet die Republik seit Jahren.  Die Änderung des Renteneintrittsalters wird aber trotzdem, wie geplant, “durchgezogen”.

Auch an den vielfach beklagten und längst identifizierten Ungerechtigkeiten für Hartz-IV-Empfänger wurde ja in den vergangenen Jahren kaum etwas geändert. Längst bekannte, ungenaue Gesetzestexte wurden nicht verändert. Da ist es schon sehr seltsam, wenn sich Politiker auf der anderen Seite über die zunehmende Zahl von Klagen vor den Sozialgerichten beklagen. 

Die »Segnungen« der Agenda 2010 werden gern als Grund für die momentan gute Verfassung unserer Wirtschaft im Vergleich zu anderen europäischen Ländern angeführt. Schade, dass man nicht beweisen kann, dass auch ohne den entsolidarisierenden Prozess, den die Agenda ausgelöst hat, hätte auskommen können. Man muss kein Fachmann sein, um zu wissen, dass es auch in der Wirtschaft ein Auf und Ab gibt, das solche Veränderungen jedenfalls zum Teil auch erklären kann.

Welchen Anteil die Agenda allerdings an Deutschlands Entwicklung zum Billiglohnland hatte, haben wir miterleben dürfen. Zeitarbeit, befristete Arbeitsverträge, Kombilöhne sind Synonyme für die Entwicklung Deutschlands hin zur Oase der Reichen und Mächtigen. Von anderen üblen Entscheidungen der Schröder – Regierung einmal gar nicht zu reden.

Besonders empörend fand ich den »Austausch« der Normalverdiener gegen Billiglohn-Empfänger dann, wenn er in ein und demselben Unternehmen stattfand. Die geniale Idee der Kapitalisten war es, zunächst die Stammbelegschaft zu reduzieren und die gleichen Leute unter Ausnutzung ihrer sozialen Not zu Billiglöhnen wieder einzustellen. Da bekommt der Begriff Humankapital  für Arbeitnehmer eine besonders aparte Note. Aber gut, die Ökonomen können das natürlich erklären – wie alles oder jedenfalls fast alles. Wenn der Markt das fordert, werden wir uns dem schon beugen müssen. Mit Wörtern wie Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum, nervöse Märkte und so haben wir gelernt zu leben — auch wenn sie uns oft schon beim bloßen Anhören Übelkeit bereiten. Wir glauben längst an das, was früher so gern vom »wichtigsten Kapital des Unternehmens« erzählt wurde und sind leider aber kaum in der Lage, diesen omnipräsenten Phrasen ausweichen.

So sehr ich verstehe, dass die Anhebung des Renteneintrittsalters nötig ist, um zumindest in kleinem Umfang auf eine gefährliche demografische Entwicklung zu reagieren, so fragwürdig ist es, elementare Teile der Lebenswirklichkeit einer immer größer werdenden Anzahl von Menschen einfach auszublenden. Natürlich gehört dazu, dass durch kleinere Einkommen die Rentenversicherungsbeiträge entsprechend sinken und die so genannte Altersarmut auch von der Entwicklung befeuert wird.

Wird ein Arbeitnehmer mit Ende 50/Anfang 60 arbeitslos, hat er am Arbeitsmarkt keine Chance mehr! Er fällt nach spätestens 2 Jahren in Hartz IV.  In meinem Fall bedeutet das, das ich nach einem Berufsleben von bis dahin immerhin 44 Jahre -mit einer Unterbrechung von knapp 6 Monaten- buchstäblich im Arsch wäre.

Ich mag nicht darüber nachdenken, was eine solche Situation für Menschen bedeutet. Unsere Regierung nimmt jedenfalls zu diesen Fragen nicht Stellung – von ein paar Allgemeinplätzen einmal abgesehen. Die Opposition übrigens auch nicht wirklich. Die Linken fordert, dass die Rente mit 67 ausgesetzt wird. Das wird wohl auch keine Lösung für das Problem sein.

Heute morgen las ich, dass 49 % der Männer und 33% der Frauen über 60 Jahre (im Schnitt 41%) noch erwerbstätig sind. Ich schließe aus diesen Zahlen, dass wir in diesem Alter für die Wirtschaft uninteressant sind. Kunststück. Mit 49 ist man ja als Zielgruppe der Werbewirtschaft schließlich auch schon ausgesteuert.

In diesem Alter hat man gelernt, mit solchen Wahrheiten umzugehen. Politik spricht in diesen Zusammenhängen gern von der »Lebensleistung der Menschen«. Klingt gut und ist billig. Respektiert wird diese Leistung jedenfalls nicht. Weder von der Politik noch von der Wirtschaft.

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2 Kommentare

  1. Boris 22. Dezember 2011 at 07:34 - Antworten

    Also, “Der Prozess” ist von Franz Kafka, und der Kant hieß Immanuel. Aber sonst ist das schon alles so, wie ich das auch sehe.

  2. Horst Schulte 22. Dezember 2011 at 08:37 - Antworten

    :-) Danke.

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